Handbuch 5. Auflage
1804 Tugend Von Micha Brumlik Vorbemerkung Tugenden lassen sich grundsätzlich und allgemein als jene positiven Charaktereigenschaften von Per- sonen bestimmen, die in einer gegebenen Gesell- schaft nicht nur hochgeschätzt, sondern auch aus- drücklich geachtet werden und daher zum Ziel von Erziehungs- und Bildungsanstrengungen erklärt worden sind. Damit sind Tugenden zunächst jene Charaktereigenschaften, die dem individuellen Er- reichen gesellschaftlich und kulturell vorgegebener Werte in besonderem Maße dienlich sind. Der ge- genwärtig wieder an Prominenz gewinnende, über Jahrzehnte aus verschiedenen Gründen als über- holt geltende Begriff hat in der abendländischen Begriffsgeschichte eine bedeutende Tradition (Rit- ter /Gründer 1998, 1532–1572). Freilich haben sich Bedeutung und Gewicht des Begriffs vielfach gewandelt, weshalb eine historische Perspektive sachangemessen ist. Dabei wird im folgenden Überblick keine umfassende, sondern nur eine epochentypische Darstellung gewählt. Während sich in der Antike vor allem das Problem der Lehr- barkeit der Tugend stellt, war die mittelalterliche Philosophie vor allemmit der Frage nach der Rang- ordnung derTugendenbefasst.Das frühneuzeitliche Denken scheint mit seiner Entdeckung vitaler Handlungs- und Verhaltensmotivationen den Be- griff systematisch zu verdrängen, während die frühe Moderne den Begriff und die Sache in genau an- gebbaren Grenzen zulässt, ihm freilich jede be- gründende Kraft abspricht. Erst die nachmoderne Theorie der Moral, die der Dichotomie von rigoro- ser Pflichtenethik hier und auf Nutzen und Kon- sequenzen blickender teleologischer Ansätze dort entgehen will, hat in den letzten zwei Jahrzehnten den Versuch unternommen, eine auf einer Tugend- lehre aufbauende Ethik neu zu begründen. Antike In der griechischen und römischen Antike bezeich- net „arete“ (lateinisch „virtus“) zunächst nichts anderes als die für ein Lebewesen tauglichen, funk- tionalen Eigenschaften. So lässt sich von der Schnelligkeit als einer Tugend von Windhunden sprechen, ja sogar von „Schärfe“ als einer Eigen- schaft von Messern. Dabei ist die etymologische Vermutung zu beachten, dass die Wurzel der grie- chischen „arete“ auf den olympischen Gott des Krieges, Ares, verweist und dass die lateinische „virtus“ die gleiche Wortwurzel hat wie der lateini- sche Ausdruck für „Mann“, nämlich „vir“. Ob der Verdacht gerechtfertigt ist, dass damit bereits das Konzept selbst männlich / patriarchalisch vor- geprägt ist, lässt sich auf dieser Basis jedoch noch nicht entscheiden. Im Zentrum der erst mit Sokrates und Platon ein- setzenden antiken Debatte steht die Frage nach der Lehrbarkeit der Tugend, also danach, ob die „Tu- gend“ eines Lebewesens ihm von Natur anhaftet oder eben nicht und ob sie dann durch bewusste An- strengungen hervorgebracht oder gefördert werden kann. In Platons aporetischem Dialog „Menon“ wird die Meinung geäußert, dass die Tugend eben jenen einwohne, denen sie einwohne. Mehr könne man indes nur wissen, wenn man nicht fragt, wie Menschen Tugend erlangen, sondern, was deren Wesen ist (Platon 1990b, 70a). Tugenden sind dem- nach jene menschlichen Eigenschaften, die ein Wis- sen vom Guten und Schlechten (1990a, 147c2) für das menschliche Leben im Ganzen (174a) enthalten und damit letztlich zur „Eudaimonia“, zum Glück, verhelfen (175e f.). Dieses Glück sieht Platon in ei- ner der Polis, d.h. einer politisch verfassten Gemein- schaft in besonderer Weise gegebenen Lebensweise, die wesentlich auf Gerechtigkeit beruht und somit dafür sorgt, dass sich die menschlichen Seelenkräfte Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art169, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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