Handbuch 5. Auflage
Tugend 1805 untereinander und auch mit den Zielen des Staates in Harmonie befinden (1990c). Die von Platon da- raus folgernde Konzeption eines von oben regierten Philosophenstaates, einer Erziehungsdiktatur mit einer systematischen Auflösung der Familie und ei- nem Verbot leidenschaftlicher Erzählungen und rhythmischer Musik (Kersting 2006) wird von sei- nem Schüler Aristoteles als dem Wesen des Men- schen zuwider kritisiert (Aristoteles 2003a, 1261a). Gerade weil der Mensch die Erfüllung seines Lebens nur in einer politischen Gemeinschaft, in einer Polis, finden kann, ist er auf Lebensweisen wie die Familie angewiesen, die sich dem einzelnen Menschen in be- sonderer Weise zuwenden (1261b). In diesen Le- bensweisen können dann jene Gewohnheiten und Haltungen erworben werden, die einem seinem Glück dienlichen Charakter auszuprägen helfen (Aristoteles 1972, 1103 f.). Dabei ist Aristoteles da- von überzeugt, dass diese Anlagen nicht angeboren sind. Aristoteles nennt in diesem Zusammenhang die Verstandes- und Charaktertugenden der Weis- heit, der Klugheit, der Tapferkeit, Besonnenheit, Gerechtigkeit, der Freigebigkeit und Großzügigkeit sowie des Großmuts. Nach Aristoteles Überzeugung sind tugendgemäße Handlungen – so einmal erwor- ben – von großer Beständigkeit, beständiger sogar als intellektuelles Wissen, was sich auch daran er- weist, dass glückselige Menschen dauerhaft mit Tu- genden leben (1100b f.). Ungeklärt blieb bei Platon und Aristoteles, ob sich die Tugenden zum Erwerb des Glücks in einem vor allem instrumentellen Ver- hältnis befinden oder ob ein tugendhaftes Leben bereits in sich selbst glückhaft ist. Die auf Platon und Aristoteles folgenden philosophischen Schulen der Epikureer, Skeptiker und Stoiker neigten immer stärker der Überzeugung zu, dass ein von Tugenden geleitetes Leben bereits glückhaft sei und es dement- sprechend nicht mehr auf den Erwerb weiterer Gü- ter wie Gesundheit, Reichtum, Familie und Freund- schaft ankäme. Zumal die römische Philosophie hat diese Frage auf- gegriffen und im Werk Ciceros und Senecas unter- schiedliche Antworten gefunden. Anders als der da- malige Mainstream der stoischen Philosophen beharrt Cicero darauf, dass „virtus“ alleine zwar glücklich machen könne, nicht aber, dass ausschließ- lich „Tugend“ ein beglückendes Gut sei. Umgekehrt werden jene, die sich ein höchstes Gut ohne Tugend vorstellen können, nicht einräumen wollen, dass Tugenden edler seien als schlichte Lusterfüllung (Cicero 1989, 365). Dieser Thematik hat sich in- tensiv der am Hofe Kaiser Neros wirkende und von diesem schließlich in den Selbstmord getriebene Philosoph Seneca gewidmet. Tugenden sind der Weg zu einem Glück, das durch die Abwesenheit von Begierden ebenso gekennzeichnet ist wie durch die Abstinenz von Alltäglichem und Zufälligem. Tugend und Sinnenlust sind nicht miteinander ver- einbar: während die Sinnenlust in dem Augenblick erstirbt, indem sie ihren Gipfel erreicht hat, stellen die Tugenden und ein ihnen gemäß geführtes Leben etwas Beständiges vor, das endlich jenes höchste Gut ermöglicht, das sich schließlich in Geisteskraft und Umsicht, in Feinheit, Gesundheit, Freiheit, Harmo- nie und Schönheit der Seele offenbart (Seneca 1984, 68–73). Vor allem aber besteht Glück darin, wahr- heitsgemäß urteilen zu können. Demnach setzt ein glückseliges Leben die Fähigkeit, wahr und falsch unterscheiden zu können, ebenso voraus wie die Fä- higkeit, sich seiner Vernunft bedienen zu können und mit den eigenen Verhältnissen zufrieden zu sein. Ein gemäß dieser Tugend der Vernunft geführ- tes Leben ist vor allem davor gefeit, dem Glück nachjagen zu wollen. Sobald man sich anstelle der Vernunft der Jagd nach dem Glück verschreibt, ist das Ergebnis, dass Glück zum Bedürfnis wird – ein Umstand, der angesichts der menschlichen Verhält- nisse, wie sie sind, nur zu weiterem Unglück führen kann (79). Die griechisch gebildeten Kirchenväter des dritten und vierten Jahrhunderts haben den an- tiken Tugendkanon übernommen und ihm die dem Neuen Testament, speziell den Briefen des Apostel Paulus, entnommenen Tugenden des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung (Paulus, 1,1–3) sowie der Tugend der Frömmigkeit hinzugefügt. Wie die pa- ganen Denker auch vorrangig mit der Frage nach der Glückseligkeit befasst, fanden die christlichen Philosophen der späten Antike seit Augustin vor al- lem in der gläubigen Ergebenheit an den am Kreuz gestorbenen und wiederauferstandenen Sohn Gottes des von ihnen bekannten Christus Jesus die Antwort auf die Frage nach dem Glück (Ritter/Gründer 1998, 1548). Mittelalter Die mittelalterliche Philosophie kam in die- ser – sehr vielfältigen und in sich differenzierten Tradition – zu einem System von sieben Kardinal-
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