Handbuch 5. Auflage
1812 Übergänge in den Beruf Von Barbara Stauber und Andreas Walther Einleitung: Übergänge in Lebenslauf und Biographie Begreift man Soziale Arbeit als „Unterstützung bei der Bewältigung des Lebenslaufs“ (Böhnisch et al. 2005, 122), dann sind Übergänge in den Beruf direkt und indirekt Gegenstand sozialpäd agogischen Handelns: indirekt, weil die Bewälti- gung des Lebenslaufs immer auch die Bewältigung von Anforderungen im Kontext von Erwerbs- arbeit beinhaltet; direkt, weil Jugendberufshilfe und Beschäftigungsförderung explizite sozialpäd agogische Handlungsfelder darstellen. Übergänge in den Beruf werden gemeinhin als eine zentrale Dimension des Verhältnisses von Lebenslauf und Biographie verstanden. Während der Lebenslauf die institutionelle Strukturierung individueller Lebensverläufe durch Bildungssystem, Arbeits- markt und Wohlfahrtsstaat bezeichnet, unter- streicht Biographie die subjektive Aneignung des Lebenslaufs durch die Individuen. Die Soziale Arbeit ist dabei einerseits „Mitregentin im Le- benslaufregime“ (Schefold 2005, 1133) der Ar- beitsgesellschaft, insofern sie Jugendliche norma lisierend an den begrenzten bzw. begrenzenden Anforderungen und Möglichkeiten von Ausbil- dung und Erwerbsarbeit orientieren soll. Anderer- seits bedeutet das Selbstverständnis lebenswelt- orientierter Sozialer Arbeit, an den subjektiven Erfahrungen, Arbeitsorientierungen und Lebens- entwürfen der Jugendlichen und jungen Erwach- senen anzusetzen und sie anzuerkennen (Galuske 2004). Die Übergänge zwischen den institutionalisierten Lebensphasen und vor allem der Übergang von der Schule in den Beruf bergen besondere Risiken bzw. Unterstützungsbedarf und haben in unserer er- werbszentrierten Gesellschaft (s. u.) besondere Re- levanz für soziale Integration. Jugendarbeitslosig- keit, Jugendliche ohne Berufsausbildung und prekäre Erwerbskarrieren stehen dabei für eine Zu- nahme an Ungewissheit und Unsicherheit von Übergängen in den Beruf. Aus der Perspektive sub- jektorientierter Übergangsforschung sind sie jedoch auch Ausdruck einer generellen Entstandardisie- rung von Lebensläufen (Stauber et al. 2007). Der Beitrag setzt ein mit der Beschreibung der Strukturen des Übergangs von der Schule in den Beruf und der in ihnen enthaltenen Ungleichheiten und Risiken. Besonderes Augenmerk erhalten da- bei die sozialpädagogische Jugendberufshilfe und das „Orientierungsdilemma“ (Galuske 1993), das sich aus dem wohlfahrtsstaatlichen Spannungsver- hältnis von Lebenslauf und Biographie für das sozi- alpädagogische Handeln ergibt. Eine reflexive Handlungsperspektive erfordert es, über ihre kon- krete institutionelle Verortung hinauszuschauen. Zum einen wird deshalb der Blick auf die Struktu- ren des Übergangs durch einen international ver- gleichenden Blick auf unterschiedliche Übergangs- regimes in Europa vervollständigt. Zum anderen wird eine biographische Perspektive junger Frauen und Männer auf den Übergang in den Beruf einge- nommen, mit der Voraussetzungen und Prinzipien des Handelns der Subjekte genauso reflektiert wer- den wie die Tatsache, dass sich aus subjektiv-bio- graphischer Sicht Übergänge in den Beruf nicht von anderen Teilübergängen und anderen Lebens- bereichen trennen lassen. Vor dem Hintergrund der international vergleichenden wie auch der bio- graphischen Perspektive wird im Schlussteil eine Sozialpädagogik des Übergangs skizziert, die über die institutionelle Engführung der sozialpädagogi- schen Jugendberufshilfe hinausweist. Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art170, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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