Handbuch 5. Auflage
Übergänge in den Beruf 1813 Strukturen des Übergangs von der Schule in den Beruf Zur Beschreibung der Strukturen des Übergangs von der Schule in den Beruf hat sich seit den 1990er Jahren der Begriff des Übergangssystems eingebür- gert. Die Übergangsforschung bezog diesen Begriff auf die Gesamtheit der gesellschaftlichen Akteure, Strukturen und Prozesse, die in die Übergänge jun- ger Frauen und Männer ins Erwerbsleben involviert waren (Brock 1991). Mit der Einführung eines na- tionalen Bildungsberichts hat dieser Begriff eine Verengung auf Hilfen für diejenigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen erfahren, denen der Ein- stieg in Ausbildung oder Arbeit nicht gelingt (BMBF 2008b, 155). Um dem Missverständnis vorzubeu- gen, der Begriff Übergänge beziehe sich nur auf pro- blematische Bildungs- und Erwerbsverläufe, aber auch, um Probleme und Hilfen im Übergang von den institutionell als „normal“ angesehenen Ver- laufsmustern her verständlich zu machen, werden im Folgenden die grundlegenden Strukturen des Übergangs von der Schule in den Beruf skizziert. Institutioneller Ausgangspunkt von Übergängen in den Beruf ist die Schule , deren Besonderheit in Deutschland darin besteht, dass in einigen Bun- desländern SchülerInnen bereits nach vier Schul- jahren entsprechend ihrer Leistungen auf unter- schiedliche weiterführende Bildungsgänge verteilt werden. Internationale Leistungsvergleichsstudien weisen darauf hin, dass die selektive Differenzie- rung des deutschen Schulsystems soziale Un- gleichheiten nach Bildung und beruflichem Status und nach ethnischer Herkunft nicht nur wider- spiegelt, sondern noch verstärkt (BMBF 2008b; Pohl 2008). Eine weitere Ungleichheitskategorie ist das Geschlecht, mit der neuerdings eine Bil- dungsbenachteiligung von Jungen thematisiert wird (Shell-Jugendstudie 2006). Im Anschluss an die Schule schließt sich für diejeni- gen, die kein Studium aufnehmen können oder wollen, entsprechend der allgemeinen Normalitäts- erwartung als Wunsch eine Berufsausbildung an. Bei ca. 75% handelt es sich dabei um betriebliche Aus- bildungen im Rahmen des sogenannten dualen Systems. Ausbildungen in den Gesundheits-, Sozial- und Verwaltungsberufen sind dagegen schulisch or- ganisiert (BMBF 2008b, 158). Seit den 1990er Jahren ist das Angebot an betrieb- lichen Ausbildungsstellen um fast ein Viertel zu- rückgegangen. Neben konjunkturellen Gründen ist dies zum einen dem wirtschaftlichen Struktur- wandel geschuldet, da das duale System traditionell auf Handwerks- und Facharbeiterberufen basiert, deren Beschäftigungsbedeutung langsam zurück- geht, während es sich in den meisten neuen Dienst- leistungstätigkeiten nicht etablieren konnte. Zum anderen haben sich viele Betriebe angesichts unge- wisser Entwicklungsbedarfe aus dem dualen Sys- tem zurückgezogen. Neu geschaffene Ausbildungs- berufe konnten diesen Rückgang so gut wie nicht auffangen, das Angebot schulischer Ausbildungen ist weder in Bezug auf die beruflichen Profile noch auf die Zahl der Ausbildungsplätze ausgeweitet worden (BMBF 2008b). Dadurch hat sich der Wettbewerb um Ausbildungsplätze erheblich ver- schärft. Nur 36% aller Jugendlichen, die sich 2006 für eine Ausbildung interessierten, begannen tat- sächlich auch eine. HauptschulabgängerInnen stellen nur 30% aller Auszubildenden in betriebli- chen und schulischen Ausbildungsgängen und konzentrieren sich in wenigen statusniedrigen Aus- bildungsberufen (BMBF 2008a, 79, 134). Der mittlere Schulabschluss, den gut 40% eines Jahr- gangs erwerben, gilt inzwischen als ausbildungs- bezogenes „Existenzminimum“. Die Hauptschule, die knapp 30% mit und ca. 8% ohne einen Ab- schluss verlassen, sieht sich dem Stigma „Rest- schule“ ausgesetzt (Solga 2002). In der Schule reproduzierte oder hergestellte Un- gleichheiten verfestigen sich in der beruflichen Bildung. Dies gilt in besonderemMaße für Jugend- liche mit Migrationshintergrund, deren Ausbil- dungsbeteiligung gegenüber den 1990er Jahren noch sinkt (BMBF 2008a; Pohl 2008). Dies gilt auch, allerdings in geringerem Maße, für Mädchen und junge Frauen, denen die Umsetzung ihrer hö- heren Schulabschlüsse in adäquate Ausbildungs- abschlüsse oft verwehrt ist (Granato / Schittenhelm 2004). Gleichzeitig stellen die schulischen Ausbil- dungsgänge, in denen Mädchen überrepräsentiert sind, höhere Anforderungen bei schlechteren Be- rufsperspektiven im Vergleich zu den männlich dominierten dualen Ausbildungsberufen. Eine zentrale Rolle im Übergang zwischen Schule und Ausbildung nimmt die Berufsberatung der Ar- beitsverwaltung ein, über die ein großer, wenn auch abnehmender Teil der Ausbildungsbewerber Innen vermittelt wird. Als wohlfahrtsstaatliche In- stitution ist die Berufsberatung dem Leitziel „alle
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