Handbuch 5. Auflage

1834 Wagenblass  seits gibt. Die Bereitschaft und Motivation, sich auf ein Arbeitsbündnis einzulassen und Vertrauen aufzubauen, ist ein Bereich, der sich scheinbar während eines Hilfeprozesses verändern kann. Bis- herige Überlegungen und Studien fokussieren je- doch vor allem die Anfangssequenzen der interak- tiven Herstellung von Vertrauen zwischen Professionellen und AdressatInnen (Fabel-Lamla 2012 et al., 807 f.). Bezogen auf Zwangskontexte kann davon ausgegangen werden, dass gerade in der Anfangssituation kein Vertrauen vorhanden ist und insofern wäre hierbei die Frage nach den Ver- trauensbildungs prozessen in der fortschreitenden Hilfebeziehung relevant bzw. die Frage, wie aus anfänglichem Misstrauen und Abwehr im fort- schreitenden Prozess Vertrauen und die Bereit- schaft zur Zusammenarbeit entstehen kann. In diesem Spannungsfeld müssen die Professionellen mit ihrem Auftrag und ihrer Berufsrolle differen- ziert umgehen, das berufliche Handeln muss sich einerseits an den gesellschaftlichen Normen orien- tieren und gewissermaßen standardisiert sein, an- dererseits müssen Handlungsspielräume im jewei- ligen Einzelfall genutzt werden, um mit den AdressatInnen in eine produktive Hilfebeziehung treten zu können (Kähler 2001; Kähler / Zobrist 2013). Das heißt, es muss Transparenz geschaffen werden, welche gesetzlichen und institutionellen Vorgaben eingehalten werden müssen (z. B. Siche- rung des Wohls des Kindes) und welche Ziele im Hilfeprozess auf jeden Fall umgesetzt werden müs- sen (z. B. Kind besucht regelmäßig die Kinderta- geseinrichtung). Daneben geht es im Hilfeprozess aber immer auch um die spezifischen Bedarfe und Ziele der AdressatInnen (z. B. „Ich möchte Sie so schnell wie möglich wieder loswerden“). Erst wenn die AdressatInnen darin unterstützt werden, ein eigenes Ziel bzw. einen Auftrag zu formulieren und bereit zur Mitwirkung sind, kann ein Arbeits- bündnis entstehen und ein Veränderungsprozess initiiert werden. Voraussetzung hierfür ist eine res- sourcenorientierte und wertschätzende Haltung des Professionellen gegenüber den AdressatInnen. Ebenso zentral ist die Fähigkeit des Professionellen zur Reflexion. Die Professionellen müssen ein Ver- ständnis darüber haben, was sie tun und zudem die Fähigkeit entwickeln zu verstehen, was sie tun, während sie es tun (Giddens 1997, 36). Dies um- fasst die Kompetenz, das eigene Handeln mit der Lebenspraxis der AdressatInnen in Beziehung zu setzen und die Auswirkungen der möglichen zu- künftigen Folgen professionellen Handelns auf die Lebenspraxis der Betroffenen bereits im Prozess der Hilfeleistung mitzuthematisieren und zu re- flektieren. Dieser geforderte Zukunftsbezug des professionellen Handelns verweist darauf, dass dem eigentlichen Handeln ein Verstehen von Le- benswelten und den darin begründeten Sinnstruk- turen vorausgeht. Durch ein solches professionel- les Vorgehen können Erwartungsenttäuschungen eingegrenzt werden, indem eine rückkoppelnde Wechselbeziehung zwischen den institutionellen Verfahren und Leistungen einerseits und dem Be- darf und den Erwartungen der AdressatInnen an- dererseits vorgenommen wird. Ausblick Vertrauen ist für die Soziale Arbeit sowohl auf der Ebene des Systems als auch in den interprofessio- nellen Kooperationsbeziehungen sowie auf der Mi- kroebene in den sozialen Beziehungen zwischen Professionellen und AdressatInnen von Relevanz. Deutlich ist geworden, dass Vertrauen keine Kons- tante ist, sondern vielmehr variieren und verschie- dene Intensitäten haben und sich im Laufe der Zeit bzw. des Hilfeprozesses verändern kann. Vertrauen kann folglich nicht einfach vorausgesetzt werden. Vielmehr muss es auf allen drei Ebenen aktiv her- gestellt werden. In dieser Hinsicht ist Soziale Arbeit gefordert, sich mehr als bislang mit Vertrauen aus- einanderzusetzen, „(denn) ein professionelles Wissen um verschiedene Ver- trauensebenen und -formen sowie um Vertrauensstrate- gien und -mechanismen (…) könnte dazu beitragen, die vorherrschende unreflektiert positive Konnotation von Vertrauen in pädagogisch-professionellen Prozessen zu überwinden und die notwendige Vertrauensarbeit im Ar- beitsbündnis transparenter zu gestalten, ohne dabei Ver- trauen zu instrumentalisieren und damit wiederum mög- licherweise Vertrauensgrundlagen zu untergraben“. (Fabel-Lamla et al. 2012, 808)

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