Handbuch 5. Auflage

Wissenschaftstheorie  1865 und ihre Theorieproduktion nach dieser Maßgabe betrieben hat. Die notwendige wissenschaftstheo- retische Grundlegung der disziplinären Sozialpäd­ agogik hat deshalb zukünftig die weit vertretene Auffassung kritisch zu hinterfragen, dass Professio- nen und „handlungsbezogene Sozialwissenschaften“, die ihre zu bearbeitenden Handlungsprobleme au- ßerhalb einer spezifischen Form wissenschaftlicher Institutionalisierungen und Diskurse stets schon als „vorgängig vorhanden“ definieren, sich nicht selbstverständlicherweise nach dem Typus gesell- schaftlich anerkannter Forschungsdisziplinen ent- wickeln würden. Sondern sie hätten den Beurtei- lungsmaßstab ihrer Entwicklung stets darin zu sehen, inwieweit sie berufs- und lebenspraktisch angemessene Deutungen für soziale und gesell- schaftliche Handlungsprobleme produzieren. Da- mit ist die Grenze zwischen Disziplin und Profes- sion stets aufs Neue verwischt, was für beide Seiten folgenreich ist und die Diskussionen zirkulär er- scheinen lässt. Untersuchungen, die sich hingegen mit dem Charakter der Sozialarbeit/Sozialpädago- gik als Wissenschaft auseinandersetzen und dabei die Herausbildung ihrer kognitiven Identität zu rekonstruieren versuchen, sind demgegenüber bis- lang Einzelversuche geblieben und deuten darauf hin, dass man insgesamt noch heute von einer schwach entwickelten Selbstreflexion der Sozial- arbeit/Sozialpädagogik als Disziplin sprechen muss (Mührel / Birgmeier 2009). Um den Prozess der systematischen Selbstreflexion der Sozial- arbeit / Sozialpädagogik als Disziplin zu entfalten, wird es zukünftig darauf ankommen, gezielte For- schungsanstrengungen zu forcieren, in der Absicht, die Entwicklungspotenziale des Faches konstruktiv auszuloten und die Disziplin im Kontext eines pro- duktiven und zugleich kritischen Austausches mit sozial- und erziehungswissenschaftlichen Nachbar- fächern zu profilieren. Eine dafür notwendige wissenschaftstheoretische Klärung der eigenen Position der Sozialen Arbeit steht bis heute noch aus und spiegelt sich auch nicht in der gegenwärtigen Literatur wider. Eine in ihren Diskursen wissenschaftstheoretische Aus- einandersetzung zeigt sich hingegen in der Ent- wicklung einer evidenz-basierten Sozialen Arbeit (Otto et al. 2010 und Otto et al. 2009). Dabei geht es im Kern um die Begründung und Interpretation von Kausalität, d. h. um die Faktoren, die als „ca- sual power“ beschrieben werden. Die Frage lautet, was in einer materiellen, notwendigen und über- prüfbaren Weise in der Lage ist, ein Geschehen hervorzubringen bzw. zwischen „Inputs“ und „Outputs“ zu vermitteln. Im Mittelpunkt steht dabei die Unterscheidung zwischen Kausalbeschrei- bungen und Kausalerklärungen sowie im Kontext der methodischen Konsequenzen von RCT (Ran- domized Controled Trial), die Konfrontation mit den Problemen der externen Validität. Erforscht werden müssen die generischen Mechanismen (Pawson /Tilley 1997), die Wirkung hervorbringen und die eine Grundlegung für eine evidenz-basierte Professionalisierung ergeben können (Albus et al. 2010). Die Gegenposition besteht in dem Versuch, über das Prinzip des „Actuarialism“ (versicherungs- mathematische Risikobestimmung) als „formal statistical calculation of risk based upon aggregated data“ (Kamshall 2010 und Webb 2009), entspre- chende Daten über eine Manualisierung in die Praxis der Sozialen Arbeit zu transferieren und da- mit den professionskonstitutiven Einzelfallbezug zu unterlaufen. Welche wissenschaftstheoretischen Konsequenzen sich aus dieser neuen Diskussion für die Soziale Ar- beit ergeben, bleibt abzuwarten. Literatur Albus, S., Greschke, H., Klingler, B., Messmer, H., Mi- cheel, H.-G., Otto, H.-U., Polutta, A. (2010): Wir- kungsorientierte Jugendhilfe. Abschlussbericht der Eva- luation des Bundesmodellprogramms „Qualifizierung der Hilfen zur Erziehung durch wirkungsorientierte Ausgestaltung der Leistungs-, Entgelt- und Qualitätsver- einbarungen nach §§ 78a ff. SBG VIII“. Waxmann, Münster Alisch, Rössner, L. (1992): Grundlagen der Sozialarbeitswis- senschaft und Sozialarbeitswissenschaftlicher Forschung. Braunschweiger Studien zur Erziehungs- und Sozialarbeits- wissenschaft. Technische Universität Braunschweig, Semi- nar für Soziologie. Eigenverlag, Braunschweig. Beck, U., Bonß, W. (Hrsg.)(1989): Weder Sozialtechnologie noch Aufklärung? Analysen zur Verwendung sozialwissen- schaftlichen Wissens. Suhrkamp, Frankfurt/M.

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