Handbuch 5. Auflage

Wohlfahrtsstaat  1873 wie auch in der praktischen Politik unterstellt wird. Stattdessen wird davon ausgegangen, dass unter- schiedliche „Gender Regime“ (Sainsbury 1999) existieren, in denen spezifische Ideologien und Poli- tiken zum Ausdruck kommen, welche die Lage der Frauen erheblich beeinflussen. Zentral ist die These, dass sich diese Regime weniger danach unterschei- den, wie stark sie (ver-)sichernd wirken, sondern ob sie zur Unabhängigkeit der Frauen von Ehe und Familie beitragen. Ein Beispiel für die Geschlechter- effekte staatlicher Politik ist in Deutschland das Ehegatten-Splitting, das Ehefrauen von Ärzten u. ä. Einkommensgruppen zu hoch alimentierter Klientel des Wohlfahrtsstaats macht. Schluss: einige Tendenzen und Charakterisierungen im Lichte der Empirie Fasst man einige ausgewählte Daten über klassische und neue Handlungsfelder, die Performanz am Ar- beitsmarkt und die Armutsrisiken (als Zielgrößen; in Rangreihen der 25 EU-Länder) nach dem Mo- dell der drei Welten des Wohlfahrtsstaats zusam- men, dann besteht zum einen eine erhebliche Un- übersichtlichkeit, weil einige Fälle schwer zu klassifizieren oder die Gruppen in sich heterogen sind. „Das europäische Sozialmodell ist kein ein- heitliches Konzept, sondern ein Gemisch aus Wer- ten, Errungenschaften und Hoffnungen, die in den einzelnen europäischen Staaten unterschiedlich ausfallen“ (Giddens 2007, 29). Insofern erhält man durch den Rückgriff auf die Welten der Wohlfahrt nur eine gewisse Grundorientierung. Deutlich werden zum anderen aber ebenfalls die typischen Konstellationen und Wirkungen: Bei ei- ner Gesamtbetrachtung zeigen die sozialdemokra- tischen Regime durchgehend hohe Anstrengungen und relativ gute Ergebnisse – was den theoretischen Erwartungen entspricht. Liberale und konservative Wohlfahrtsstaaten liegen – mit Streuungen bei Fällen und Dimensionen – im Mittelfeld. Sie wei- sen zudem z.T. komplementäre Abweichungen auf: So ist die Sozialleistungsquote in den konser- vativen Fällen hoch, aber die Erwerbsquote – auch bei Frauen und Älteren – nur mittel; bei den libe- ralen Ländern verhält es sich umgekehrt. Liberale Länder geben jedoch trotz einer Zurückhaltung insgesamt ähnlich viel für Bildung aus wie ihre konservativen Pendants. Diese Ambivalenz weist darauf hin, dass Erfolge in Aktivierung, Arbeits- marktintegration und Ausbildung teilweise die Schwächen in den passiven Leistungen liberaler Wohlfahrtsstaaten kompensieren können und zu einem vergleichbaren Maß an sozialer Unglei- cheit /Gleichheit und Armutsgefährdung wie in vielen konservativen Fällen führen. Äußerst hetero- gen sind im Übrigen auch die postsozialistischen Länder, was vermutlich mit den Folgen der poli- tisch-ökonomischen Transformationsschocks zu- sammenhängt (siehe Baum-Ceisig et al. 2008). Ein weiterer Faktor, der hier wie bei den rudimentären Regimen bzw. den südeuropäischen Ländern eine Rolle spielt, liegt in der Bedeutung des informellen oder dritten Sektors. Die klassische Wohlfahrts- staatsforschung konzentriert sich auf die Spannun- gen und Wechselwirkungen zwischen Markt und Staat, dabei werden die Leistungen von gesell- schaftlichen Vereinigungen, der Familien und des freiwilligen Engagements meist ausgeklammert. Auf dieseWeise stabilisieren sich neue Unterschiede zwischen den Ländern – auch wenn es in anderen Dimensionen zu Angleichungen kommt. So bleibt als Fazit, dass die Entwicklung des Wohl- fahrtsstaats in den westlichen Ländern drei gemein- same Tendenzen aufweist: Überall ist es bei einer Betrachtung der aggregier- ■ ■ ten Ausgaben nach dem Zweiten Weltkrieg zu ei- ner bemerkenswerten Expansion mit anschließen- der Stagnation auf hohem Niveau gekommen. Es zeigt sich ferner eine Differenzierung zwischen ■ ■ den Ländern und innerhalb der Wohlfahrtsstaaten; neue Risiken sind in den Kanon der Leistungen aufgenommen worden (etwa Pflege sowie neuer- dings Familie, Kinder und Frauen), etablierte Hand- lungsfelder haben ihre Bedeutung verschoben etc. Es bleibt trotz des vielfältigenWandels im Einzelnen ■ ■ bei der Persistenz der charakteristischen Strukturen im Ganzen. Trotz aller Debatten um Globalisierung, Neoliberalismus und Konvergenz gilt bis heute, dass die Unterschiede beachtlich sind. Insofern haben wir es vielfach mit einem „Paternoster-Effekt“ zu tun. Insgesamt gesehen wird schließlich die hohe Kon- tinuität zusehends zu einem Problem, das sich der Wohlfahrtsstaat – v. a. der konservative Ty- pus – selber macht. Angesichts der drastischen Herausforderungen droht ein „mismatch“ von

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=