Handbuch 5. Auflage
1882 Wolf in der Spannung stand, in einem durch äußere Bedingungen (Wohnungs- und Arbeitsmarkt) ge- prägten gesellschaftlichen Bereich individuelle Hilfen leisten zu sollen. Es geht also um die Be- arbeitung von „Verhalten in Verhältnissen“. In der Begriffsdiskussion, der Aufnahme der Forschungs- ergebnisse und den theoretischen Ansätzen zeigt sich daher immer wieder das Schwanken zwischen der Einflussnahme auf die einzelne Person und auf die Lebensverhältnisse. Während sich aus dem ersten Ansatz eher pädago- gisch-psychologische Konzepte ergeben, stellt sich beim zweiten für die Sozialarbeit sehr schnell die Frage, ob die eigene Kompetenz zu einer bedarfs- gerechten Bearbeitung der Problemlagen dann noch ausreicht. So sind aus vielen Projekten in- zwischen Ansätze bekannt, die sich von der Sozial- arbeit zu Wohnungsbeschaffung und Wohnungs- verwaltung entwickelt haben oder die die sozialarbeiterische Arbeit stärker in Vernetzung und bedarfsgerechter Kooperation sehen. Hier werden dann auch wieder Ansätze wie Gemeinwe- senarbeit aufgenommen, die im Rahmen der Ob- dachlosenarbeit vor 35 Jahren aktuell waren. Und auch die Methode des Case-Management er- hält unter dem Aspekt der Lebensverhältnisse eine neue Bedeutung (koordinierende Hilfen gemäß §67 SGB XII), allerdings gerät diese Methode durch die etwas rustikale Einführung eines gesetz- lich geregelten Fallmanagements im SGB II (§§ 14 und 15; persönlicher Ansprechpartner und Einglie- derungsvereinbarung) in Abgrenzungsprobleme zur neuen Ideologie des Forderns und Förderns. Dabei steht nach wie vor die Absicherung der ma- teriellen Grundversorgung im Mittelpunkt der Hilfen, zumal durch Einsparüberlegungen auf allen Ebenen der Politik wieder verstärkt Hilfeverweige- rung und -einschränkungen festzustellen sind. Mit der Einführung des SGB II sind zudem neue Mög- lichkeiten einer „Produktion von Wohnungsver- lust“ geschaffen worden, wenn etwa als Sanktions- maßnahme eine komplette Versagung auch der Unterkunftskosten möglich ist (§ 31 Abs. 3 und 5 SGB II). Aus diesem Grund kommt der Frage der Rechtsverwirklichung weiterhin hohe Bedeutung zu, da nur so für wohnungslose Menschen eine Existenzsicherung geschaffen werden kann, auf der sie die notwendigen Hilfen für ihre individuell sehr unterschiedlich vorhandenen Problemlagen anneh- men können. Gleichzeitig ist mit der Ökonomisierung der Ge- sellschaft auch in diesem Hilfefeld der Druck ge- stiegen, Erfolge vorweisen zu müssen. In der Dis- kussion um die Finanzierung von Hilfen und Hilfeformen hat deshalb neben den schon immer bestehenden Interessen der Träger eine (oft kurz- fristige) Renditeerwartung Einzug gehalten, die in vielen Fällen einen wirklichen Erfolg im Sinne ei- ner dauerhaften sozialen Inklusion verhindert. Für die Sozialarbeit bleibt es aber unter allen Umstän- den unverzichtbar, die persönliche Hilfe als zen- trales Element der Wohnungslosenhilfe zu begrei- fen. „Bei dieser Dimension der Wohnungslosenhilfe geht es also um mehr, als um die Hilfe beim Einrichten einer neuen Wohnung. Und dieses Mehr, das die Profession und Kompetenz der Sozialarbeit in der Wohnungslosen- hilfe ausmacht, sprengt den Begriff der „Wohnungslosen- hilfe“, wenn dieser in kategorischen Syllogismen einzig um die nicht vorhandene Wohnung kreist und nicht den kohärenten sozialen, den gesellschaftlichen und individu- ellen Prozess der Ausgrenzung in die extreme, durch Wohnungslosigkeit geprägte Lebenslage meint und ebenso den Prozess ihrer Überwindung.“ (Holtmanns- pötter 2003, 89) Literatur Albrecht, G. (1973): Soziologie der Obdachlosigkeit. neue praxis 3, 266–288 –, Specht, T., Goergen, G., Großkopf, H. (1990): Lebens- läufe. Verlag Soziale Hilfe, Bielefeld (Auszüge daraus wur- den 1979 als „Grundlagenstudie Teil 1“ veröffentlicht) Ayass, W. (1995): „Asoziale“ im Nationalsozialismus. Klett- Cotta, Stuttgart Bacherle, X. (1979): Sozialtherapie und Sozialrechtsverwirk- lichung. Gefährdetenhilfe 2, 6–11 BAG-Nichtsesshaftenhilfe (Hrsg.) (1989): Dokumentation eines Hearings im Bundestagsausschuß Raumordnung, Bauwesen und Städtebau. Gefährdetenhilfe 1, 9–37 – (1977): Phänomen Nichtseßhaftigkeit und die Anforde- rung an die Hilfe. Gefährdetenhilfe Sonderheft 1 BAG-Wohnungslosenhilfe (2001): Grundsatzprogramm. Ei- genverlag, Bielefeld Bauer, R. (1984): Obdachlosigkeit. In: Eyferth, H. Otto, H.-U., Thiersch, H. (Hrsg.), 697–708
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