Handbuch 5. Auflage

Wohnungslosigkeit 1881 Ansatzpunkten bis ins 19. Jahrhundert zurückrei- chen. Ein erster umfassender soziologischer Ansatz ist über die sogenannte Grundlagenstudie der BAG gegeben, die in Verbindung mit den zunächst psy- chologisch orientierten Studien des Innovations- projekts Tübingen eine „Paradigmaveränderung“ (BAG-Nichtsesshaftenhilfe 1977; Rothenberger 1979) bewirkten. Mitte der 1980er Jahre gab es dann eine erste Er- hebung auf Landesebene zu Zahl und Struktur der alleinstehenden Wohnungslosen (Specht 1985). In der Folge einer Studie über die „dauerhafte Woh- nungsversorgung von Obdachlosen“, deren Ge- samtkoordination beim Institut für Wohnen und Umwelt lag, gibt es inzwischen eine Vielzahl von Untersuchungen qualitativer und quantitativer Aspekte der Wohnungslosigkeit. Besonders die Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung (GISS) hat in Zusammenarbeit mit der BAG-W und einzelnen Landesregierungen über die Jahre wichtige Studien und Forschungen durchgeführt (Ruhstrat et al. 1991). Auch im Rahmen kommunaler Sozialberichte so- wie bei vielen Trägern der Sozialarbeit kann man Untersuchungen finden, die sich mit der konkre- ten Situation vor Ort oder mit besonderen Pro- blemgruppen beschäftigen. Deren Ergebnisse ha- ben vielfach dazu beigetragen, dass das Thema in Verwaltung und Politik überhaupt präsent wurde. In der letzten Zeit sind Fragen der Einbindung in die Gesundheitsversorgung, Auswirkungen der neuen Grundsicherungsgesetze sowie neue Lebens- lagen (Kinder- und Jugendliche, Migration) im Zusammenhang mit Wohnungslosigkeit Gegen- stand von Erhebungen wie auch neuer Hilfeansätze geworden. Im Rahmen der Selbsthilfediskussion haben sich auch im Feld der Wohnungslosigkeit Ansätze ent- wickelt, die neben praktischer Hilfe neue Formen der Öffentlichkeitsarbeit etabliert haben. So gibt es in manchen Einrichtungen Selbsthilfe- und Betei- ligungsmodelle, es gibt einen bundesweiten Zu- sammenschluss von Betroffenen und über die Vielzahl von (sehr unterschiedlichen) Straßenzei- tungen auch eine „Gegenöffentlichkeit“. Im Bereich der EU gibt es einen Zusammenschluss nationaler Wohnungslosenorganisationen (FE- ANTSA). Dort sind einige zusammenfassende Be- richte für die EU erstellt worden, die einen recht guten Überblick über die Situation in Europa ge- ben, wobei mit den EU-Erweiterungen immer wieder neue Aspekte und Hilfesysteme in den Blick kamen. Außer der FEANTSA gibt es trotz des Ver- weises der Wohnungspolitik in die nationale Zu- ständigkeit durch die EU-Minister für Wohnungs- fragen einige Organisationen, die sich mit dem Thema beschäftigen: CECODHAS (Versammlung europäischer Woh- ■ ■ nungsbaugesellschaften) EUROPIL (Verband sozialer Hilfsvereinigungen) ■ ■ EAPN (europäisches Netz gegen Armut) ■ ■ Einzelne Regierungen haben besondere Anstren- gungen unternommen, die tatsächliche Obdachlo- sigkeit zu beseitigen; beispielhaft sei hier die Rough Sleeper Initiative genannt, die Mitte der 1990er Jahre von der Blair-Regierung in Großbritannien gestartet wurde und recht erfolgreich war (Home- less Link 2001). Sozialarbeit und Wohnungslosigkeit Die Hilfen für wohnungslose Menschen sind nach wie vor von einer unüberschaubaren Vielzahl un- terschiedlicher Angebote geprägt; von „Standards in der Wohnungslosenhilfe“ (Simon 1996) kann man deshalb nach wie vor nur eingeschränkt spre- chen. Zunehmende Bedeutung haben Kooperatio- nen der Sozialarbeit und Sozialverwaltung mit Wohnungsunternehmen gewonnen. Dabei geht es in verschiedenen Formen um die Bereitstellung vonWohnungskontingenten für Personengruppen, die am Wohnungsmarkt nur eingeschränkte oder gar keine Partizipationsmöglichkeiten haben, sowie an vielen Stellen um die Auflösung kommunaler Notunterkünfte. In diesem Zusammenhang wird auch stärker auf präventive Ansätze geachtet, zu- mal Berechnungen ergeben haben, dass die (gelun- gene) Prävention bei drohendemWohnungsverlust nur etwa 20 bis 25% der Kosten verursacht wie die Bearbeitung einmal eingetretener Wohnungslosig- keit. Die Sozialarbeit, die in der Obdachlosenhilfe bis Ende der 1960er Jahre und in der Nichtsesshaften- hilfe bis Ende der 1970er Jahre nur eine kleine Rolle gespielt hat, ist heute zum zentralen Faktor dieser Hilfen geworden, wobei sie von Anfang an

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