Handbuch 5. Auflage

1885 Zivilgesellschaft Von Fabian Kessl Was heißt Zivilgesellschaft? Die gnadenlose Niederschlagung der „Revolutio- nen von unten“ (Arato /Cohen 1992, 31) in den späten 1950er und 1960er Jahren durch die Hege- monialmacht UdSSR und das harte Durchgreifen der polnischen Regierung gegen die streikenden Arbeiter Mitte der 1970er hatte v. a. in Ungarn, der Tschechoslowakei und Polen unter Intellektuellen eine Debatte über eine neue politische Strategie ausgelöst, mit dem Ziel, sich von den bisherigen reformkommunistischen Ansätzen abzuwenden und stattdessen „die verschiedensten Phänomene des politischen Dissenses und der gesellschaftlichen Selbsttätigkeit“ aufzugreifen (Thaa 1996, 159). Die beiden zentralen Thesen der damaligen Debat- ten fasste Michnik 1976 folgendermaßen zusam- men: Die Transformation der osteuropäischen Systeme des Sowjet-Typus sei – erstens – nur im Rahmen des bestehenden Allianzsystems des War- schauer Paktes und der Anerkennung der Rolle der jeweils führenden Partei möglich. Zweitens hätten die negativen Erfahrungen der Jahre 1956 und 1968 gezeigt, dass weder eine Revolution von un- ten noch eine Reform von oben möglich sei. Einzig erfolgversprechendes Konzept sei daher eine un- abhängige, das heißt selbstorganisierte Gesellschaft, deren Ziel eine „strukturelle Reform als Ergebnis des organisierten Drucks von unten“ (Arato /Co- hen 1992, 32) sein müsse. Dieses Konzept wurde von Kuron unter dem Stichwort self-limiting revo- lution zusammengefasst (32). Ziel war die Begrün- dung einer vom Parteistaat unabhängigen öffent- lichen Sphäre: die Zivilgesellschaft. Angestrebt waren also nicht Systemwechsel, wie sie sich dann seit dem Ende der 1980er Jahre nach und nach in allen osteuropäischen Staaten vollziehen. Und doch waren es gerade diese demokratischen Revolutio- nen, die die westlichen Denker motivierten, in den darauffolgenden Jahren die Idee der Zivilgesell- schaft mit Bezug auf die osteuropäischen Denker in die eigenen Überlegungen aufzunehmen. Vor diesem Hintergrund ist die – vor allem von US-amerikanischen Demokratietheoretikern be- förderte – Karriere des Zivilgesellschaftskonzepts seit Anfang der 1990er Jahre zu betrachten: „Die Bürgergesellschaft (ist) nicht etwa von Westen nach Osten gewandert, sondern (…) zu uns zurück- gekehrt.“ (Dahrendorf 1992a, 14) Die zentrale Idee ostmitteleuropäischer Zivilgesellschaftskon- zeptionen kann als Programm der Selbst mobilisie- rung und -transformation von Gesellschaften be- schrieben werden. Und diese erhoffen sich westliche Denker durch die Mobilisierung einer Zivilgesell- schaft seither auch in den USA, Großbritannien oder in der Bundesrepublik Deutschland. Der Zi- vilgesellschaft wird damit eine „strategische Bedeu- tung bei der Ausbildung von Formen politischer Verpflichtung und einer bürgerschaftlichen politi- schen Identität zugewiesen“ (Klein /Hellmann 1994, 6; Ash 1990). Der Begriff der Zivilgesell- schaft ist im Großteil der vorliegenden Beiträge im Rahmen dieses jüngeren Diskurses dementspre- chend normativ aufgeladen (dazu Demirović 1991; Schmalz-Bruns 1994). Das erklärte Ziel dieses „empathischen Begriffs von Zivilgesellschaft“ ist Selbstregierung (Demirović 1991, 44). Viele Auto- rInnen versprechen sich dadurch eine Re-Demo- kratisierungsperspektive für die fortgeschritten li- beralen Gesellschaften des Westens (Arato /Cohen 1992; Rödel et al. 1989; Walzer 1996). Im Mittelpunkt der deutschsprachigen Konzeptio- nen steht dabei das Konzept der (politischen) Öf- fentlichkeit, wie es in den Arbeiten von Habermas theoretisch entwickelt wurde (Habermas 1990). Habermas versteht Öffentlichkeit als „Arena für die Wahrnehmung, Identifizierung und Behandlung gesamtgesellschaftlicher Probleme“ (Habermas Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art177, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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