Handbuch 5. Auflage
1886 Kessl 1992, 365). Auf Basis zivilgesellschaftlicher Struktu- ren, so Habermas weiter, bilden sich Öffentlichkei- ten heraus, „zivilgesellschaftliche Kristallisations- kerne“ (Heming 2000, 68). Zivilgesellschaft ist somit als Vermittlungsbereich zwischen Lebenswelt und System zu verstehen. Habermas definiert des- halb Zivilgesellschaft als das Gemenge der „mehr oder weniger spontan entstandene(n) Vereinigun- gen, Organisationen und Bewegungen (…), welche die Resonanz, die die gesellschaftlichen Problemlagen in den privaten Lebensbereichen finden, aufnehmen, kondensie- ren und lautverstärkend an die politische Öffentlichkeit weiterleiten.“ (Habermas 1992, 443; Schmidt 1995) Die Mehrheit sozialpädagogischer Zivilgesell- schaftskonzeptionen sucht dementsprechend So- ziale Arbeit als Instanz der Aktivierung solcher Ver- einigungen und Bewegungen (Elsen et al. 2000; Fehren 2008; Olk 2000) oder Soziale Arbeit selbst als eine zivilgesellschaftliche Vereinigung zu kon- zipieren (Richter 2000; Wendt 1993a). Damit können diese Positionen einen Beitrag zur (Re) Sensibilisierung der sozialpädagogischen Akteure und Organisationen wie der NutzerInnen sozial pädagogischer Angebote für die politische Dimen- sion Sozialer Arbeit leisten (Böhnisch / Schröer 2002; Böllert 2000; Marquard 2006). Soziale Ar- beit, die sich als bewusste Unterstützung und ge- plante Beeinflussung von Subjektivierungsweisen in den Fällen bestimmen lässt, in denen diese als sozial problematisch markiert werden, ist konstitutiv Teil von Politik, das heißt Teil der „Verfahrensweisen und Institutionen (…), durch die eine Ordnung geschaffen wird, die das Miteinander der Menschen im Kontext seiner im vom Politischen aufgelegten Konflikthaftigkeit organisiert“ (Mouffe 2007, 16). Zugleich lässt sich Soziale Arbeit aber weder aus- schließlich als unabhängige politische Interessens- gruppe im Sinne einer Lobbyorganisation für die Interessen der direkten NutzerInnen sozialpädago- gischer Angebote fassen noch kann sich Soziale Ar- beit nur als freie politische Bildungsinstanz insze- nieren, deren Ziel eine unabhängige Politisierung aller Beteiligten sein könnte. Derartige Vorstellun- gen unterliegen aber häufig den sozialpädagogi- schen Beiträgen zur Zivilgesellschaftsdebatte. Doch unabhängig davon, ob Soziale Arbeit als Aktivie- rungsinstanz zivilgesellschaftlicher Organisationen oder selbst als zivilgesellschaftliche Akteurin be- stimmt wird, sie bleibt – staatlich verfasst und in öffentlicher Allokation – Normalisierungsinstanz: Ihr Auftrag ist die bewusste Unterstützung und ge- plante Beeinflussung der subjektiven Lebensfüh- rungsmuster, in den Fällen, in denen diese als sozial problematisch oder als potenziell sozial problema- tisch markiert werden. Diese Positionierung Sozia- ler Arbeit als Teil des erweiterten Staates ( Società Civile ), so ließe sich mit dem neo-marxistischen Zivilgesellschaftsdenker Antonio Gramsci (1991) formulieren, sollte daher als analytischer Ausgangs- punkt einer systematischen Bestimmung der Posi- tionierung Sozialer Arbeit in der Zivilgesellschaft und in Bezug auf zivilgesellschaftliche Akteure dienen. Von Aristoteles zu Gramsci – Verbindungslinien, Umwege und Brüche Im Sinne eines dialektischen Dreischritts sind drei klassische Theorietraditionslinien zur Zivilgesell- schaftsdebatte rekonstruierbar. Eine politisch-re- publikanische (im Zentrum der Citoyen ) von Aris- toteles über Montesquieu bis Tocqueville, eine liberale (im Zentrum der Bourgeois ), ausgehend von Locke, und eine hegelianisch-marxistische (im Bewusstsein der beiden antithetischen Pole von Bourgeois und Citoyen und im Streben der Syn- thetisierung, auf der Suche nach dem l´Homme ) von Hegel über Marx zu Gramsci (Brumlik 1991; Taylor 1995). Der klassische Zivilgesellschaftsdiskurs basiert auf der aristotelischen Konzeption einer „koinonia politike“, einer bürgerlichen Gemeinschaft als politischer Gemeinschaft ( Polis ) dem „Staat“. Freie und gleichgestellte Bürger begegnen sich in der „bürgerlichen Gesellschaft“ zur Verwirk- lichung eines tugendhaften und glücklichen Le- bens. Voraussetzung bildet dabei einerseits ihre (Re)Produktionssicherung im privaten Hausver- band ( Oikos ). Politik ( öffentliche Sphäre ) und Ökonomie ( Privatsphäre ) – um in modernen Ter- mini zu sprechen – stellen voneinander abge- trennte Bereiche dar. Polis und Oikos überlagern sich nur in der Person des männlichen Hausvor- standes ( Oikodespotes ), der als solcher einerseits der ökonomischen Sphäre vorsteht und als Bürger andererseits Teil der Polis ist. Andererseits setzt die aristotelische Konzeption der bürgerlichen
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=