Handbuch 5. Auflage
1892 Kessl zu verlieren. Die Idee einer aktiven Zivil- bzw. Bür- gergesellschaft als Substitut für die scheinbar nicht mehr realisierbaren wohlfahrtsstaatlichen Unter- stützungsleistungen oder als Gegenmacht zu einer als durchkapitalisiert bestimmten Staatlichkeit set- zen auf zivilgesellschaftliche Gemeinschaftsstruk- turen. Diese sind nun aber dadurch gekennzeich- net, dass sie, um mit Alfred Hirschmann zu sprechen, primär auf Loyalität ( Loyality ) zwischen den Beteiligten und die Option der Beteiligung ( Voice ) setzen. Die Option der Wahl ( Choice ) ist al- lerdings nur als Ein- oder Ausschluss möglich, denn Wahl heißt im Fall zivilgesellschaftlicher As- soziationen Gemeinschaftsmitglied zu sein oder Nicht-Mitglied. Zivilgesellschaftliche Assoziatio- nen bieten ihren Mitgliedern zwar einen privile- gierten Zugang zu Ressourcen an, wie Patricia Landolt am Beispiel salvadorianischer Migranten- gruppen in Kanada eindrücklich zeigt, aber sie ze- mentieren zugleich „den Ausschluss (…) der Nicht- Mitglieder“ (Landolt 2004, 23). Welche Ausmaße diese Loyalitätsfalle für Nicht-Mitglieder erzeugen kann, verdeutlicht Kevin Stenson am Beispiel der nationalistischen Abgrenzung „weißer Engländer“ in den letzten beiden Dekaden in Mittelengland (Stenson 2007). Doch auch für die Mitglieder selbst zeigt sich hier ein strukturelles Problem. Denn zivilgesellschaftliche Assoziationen treiben keineswegs per se förderungswürdige Projekte vo- ran, wie schon der Verweis auf die Aktivitäten neo- faschistischer Gruppierungen oder mafiöse Ver- einigungen verdeutlicht (Heins 1992). Will ein Mitglied diese Vereinigungen wieder verlassen, schnappt die Loyalitätsfalle – im schlimmsten Fall lebensbedrohlich – zu. Aber selbst wenn die angestrebten Ziele einer zivil- gesellschaftlichen Assoziation auch außerhalb von dieser mehrheitlich als angemessen und unstrittig beurteilt werden, stellt sich für manche Bevölke- rungsgruppen ein handfestes Beteiligungsproblem, da zivilgesellschaftliches Engagement eindeutig ein Mittelschichtsprojekt darstellt: Das typisch zivilge- sellschaftlich engagierte Gesellschaftsmitglied ist männlich, erwerbstätig, Familienvater und mitt- leren Alters. Allgemeine Statements, wie jüngst in den „Blättern der Wohlfahrtspflege“, „Gerade in der Praxis mit Benachteiligten ist Aktivierung drin- gend, wenn sozial Schwache zukünftig gleichrangig am Gemeinwesen teilnehmen sollen“ erweisen sich angesichts dieses sozialstrukturellen Dilemmas des- halb nicht nur als naiv, sondern als geradewegs zy- nisch (Ludwig 2006, 109). Nicht zuletzt ist darauf hinzuweisen, dass die zu- meist unterstellte „demokratieförderliche Wirkung gesellschaftlicher Beteiligung“ bisher empirisch nicht belegt werden konnte (Roth 2003, 49; Por- tes / Landolt 1996). Die Behauptung, ein höherer Grad an Beteiligung bringe auch einen höheren Grad an Bindung und Unterstützung vorhandener demokratischer Strukturen mit sich, bleibt weiter- hin nur Plädoyer. Zivilgesellschaftliches Engage- ment ist keineswegs gleichzusetzen mit politisch relevanter Beteiligung. Vielleicht könnten hier jüngste Überlegungen aus dem Feld der politischen Kulturforschung weiterführende Hinweise liefern: Eine ganze Reihe von Autoren weist darauf hin, dass gerade auch demokratiekritische Positionen demokratiestabilisierende Potenziale erzeugen. Literatur Arato, A., Cohen, J. (1992): Civil Society and Political Theory. MIT Press, Cambridge Ash, T.G. (1990): Ein Jahrhundert wird abgewählt. Hanser, München Barber, B. (1994): Starke Demokratie: über die Teilhabe am Politischen. Rotbuch-Verlag, Hamburg Böhnisch, L., Schröer, W. (2002): Die soziale Bürgergesell- schaft: zur Einbindung des Sozialpolitischen in den zivilge- sellschaftlichen Diskurs. Juventa, Weinheim/München Böllert, K. (2000): Dienstleistungsarbeit in der Zivilgesell- schaft. In: Müller, S., Sünker, H., Olk, T., Böllert, K. (Hrsg.): Soziale Arbeit: gesellschaftliche Bedingungen und professionelle Perspektiven. Luchterhand, Neuwied/Krif- tel, 241–252 Brumlik, M. (1991): Was heißt ‚Zivile Gesellschaft‘? Versuch, den Pudding an die Wand zu nageln. Blätter für deutsche und internationale Politik 8, 36. Jg., 987–993 Butterwegge, C. (2005): Wohlfahrtsstaat und Soziale Arbeit im Zeichen der Globalisierung. In: Castel, R. (2005): Die Stärkung des Sozialen: Leben im neuen Wohlfahrtsstaat. Hamburger Edition, Hamburg Dahrendorf, R. (1992a): Die Zukunft der Bürgergesellschaft. In: Frankfurter Rundschau, 24.01.1992
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