Handbuch 5. Auflage
200 Baethge um theoretisches, codifizierbares Wissen, das per- son- und situationsübergreifend ist und in Schulen und Hochschulen vermittelt werden kann. Es ist dieser Typ des Wissens, den Bell (1975) als „axiales Prinzip“ nachindustrieller Gesellschaften im Auge hat. Wiederum idealtypisch lässt sich das implizite Wissen den handwerklichen und industriellen Ar- beitsprozessen, das explizite Wissen eher Dienstleis- tungstätigkeiten als dominante Wissensform zuord- nen. Der Verweis auf „dominante Wissensform“ soll das Missverständnis vermeiden helfen, dass es sich um in realen Arbeitsprozessen entgegengesetzte Wissenstypen handele. In der Realität treten beide Wissensformen in jeweils unterschiedlicher Stärke gemischt auf. Diese Differenzen in den Mischungsverhältnissen machen einen sich zunehmend verkleinernden Un- terschied zwischen Produktions- und Dienstleis- tungsberufen aus. Beiden gemeinsam ist, dass heute hohe kognitive Analysekompetenzen eine zuneh- mende Rolle spielen, sowohl als Voraussetzung da- für, im Arbeitsprozess überhaupt Erfahrungen ma- chen als auch konkrete Arbeitsprobleme lösen zu können. Die internationale Vergleichsstudie zu den Qualifikationsprofilen von Fachkräften zeigt bei- spielhaft für die personenbezogenen Dienstleistun- gen des social and health care Bereichs, dass die überwiegende Zahl auch der praktischen Abschluss- prüfungsaufgaben unterschiedlicheWissensbestände voraussetzen, um in die Problemsituationen von alten, kranken und anderen unterstützungsbedürfti- gen Personen überhaupt angemessen intervenieren zu können (Baethge/Arends 2009). Für die Berufsausbildung heißt das, dass sie nicht nach dem traditionellen Muster der en-passant- Lehre, für die das Prinzip „Zuschauen und Nach- ahmen“ steht, organisiert werden kann. Es bedarf, damit arbeitsintegrierte Ausbildungssequenzen grei- fen können, wissensbezogener Sequenzen der Vor- bereitung und Begleitung. Die kognitiv-reflexiven Kompetenzen spielen gerade bei personenbezogenen Dienstleistungen immer wieder eine wichtige Rolle. Die Qualifikationsstruktur Man könnte annehmen, dass die große Bedeutung von Kommunikations- und Wissenskompetenzen jene optimistischen theoretischen Vorstellungen zur nachindustriellen Gesellschaft, dass es zu einer kontinuierlichen Anhebung des Qualifikations- niveaus der Erwerbsarbeit kommen werde, bestä- tigt. Die Realität der Dienstleistungstätigkeiten sieht anders aus. Die aktuellen Daten zur Qualifi- kationsstruktur der quantitativ relevantesten Be- rufsgruppen zeigt eine doppelte Polarisierung der 21,9 4,8 29,6 24,6 30,4 9,8 63,5 33,3 55,8 29,5 70,5 57,7 0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50 55 60 65 70 75 Andere überzeugen und Kompromisse aushandeln Freie Reden oder Vorträge halten Kontakt zu Kunden, Klienten oder Patienten Besondere Verantwortung für andere Menschen Produktionsberufe Primäre Dienstleistungsberufe Sekundäre Dienstleistungsberufe Abb. 5: Anforderungen an Sozialkompetenzen nach Berufssektoren. BIBB/BAuA Erwerbstätigen- befragung 2006 (Hall 2007, 180)
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