Handbuch 5. Auflage
206 Bildung Von Hans Thiersch Bildung ist seit Jahren zentrales Thema der öffent- lichen Diskussion; Fragen nach ihren Leistungen und Defiziten bestimmen die pädagogischen, bil- dungspolitischen und politischen Auseinanderset- zungen. – Bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts war Bildung als Frage nach Menschenbild, Bil- dungsideal und Bildungskanon Focus einer geistes- wissenschaftlichen, pädagogischen und philoso- phisch geprägten Diskussion. In den 1960er Jahren wurde Bildung, ausgelöst durch den offenkundigen Modernisierungs- und Demokratisierungsrück- stand, Gegenstand einer intensiven, interdisziplinär sozialwissenschaftlich fundierten Fachdiskussion, die die Struktur des Bildungswesens hinterfragte; die Bildungspolitik nahm grundsätzliche Reformen in Angriff (Deutscher Bildungsrat 1970). Es folg- ten Jahre eines bildungspolitischen Moratoriums, bis in den 2000er Jahren eine intensivierte Rezep- tion internationaler Bildungsforschung mit ihren alarmierenden Ergebnissen zur Wiederaufnahme und dramatischen Verstärkung der grundsätzlichen Diskussion führte: Die in den Schulen erreichten Leistungen erwiesen sich im internationalen Ver- gleich als höchstens mittelmäßig. Das demokra tische Versprechen der Schule, Menschen in und gegen die sozialen Beschränkungen zu fördern, er- füllte sich nur eingeschränkt; das Herkunftsmilieu bestimmt – im internationalen Vergleich gese- hen – durchschlagend massiv die Schullaufbahn. Öffentlich wurde vor allem auch diskutiert, dass das Bildungswesen elementare Voraussetzungen für das Zusammenleben in einer multi-ethnischen Demokratie und für politische Partizipation nicht hinreichend vermittelt. Breit angelegte und diffe- renzierte Projekte der Bildungsforschung zur Ana- lyse der Situation entstanden (Tippelt / Schmidt 2009; Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2008), verbunden mit der Diskussion neuer Kon- zepte zu Struktur- und Inhaltsreformen, zur Inten- sivierung und Ausweitung von Bildungsangeboten und zu neuen Kooperationen zwischen den Bil- dungsinstitutionen. Diese derzeitige deutsche bildungspolitische Dis- kussion steht im Horizont einer generellen Neuver- messung von Bildung und Bildungswesen in der zweiten, reflexiven Moderne, die sich als Bildungs- und Lerngesellschaft versteht. Bildung und Lernen sind elementare Voraussetzungen und Medium für Bestand, Gestaltung und Entwicklung der Gesell- schaft. Zur Bestimmung des Begriffs Bildung Im gerade dargestellten Sinn ist Bildung ein Begriff für das Insgesamt des Gefüges pädagogischer Fra- gen und Aufgaben; Bildungswissenschaft wird dementsprechend zunehmend zum Titel für päd- agogische Forschungszusammenhänge, Institute und Fakultäten. – In dieser allgemeinen Bedeutung steht Bildung neben und in Konkurrenz zu ande- ren, weit gefassten Begriffen wie dem des „Lernens“ oder der „Erziehung“. (Im angelsächsischen und romanischen Sprachraum gibt es kein Äquivalent zum Begriff Bildung und pädagogische Diskussio- nen werden hier mit anderen Begriffen als in Deutschland geführt; darauf aber kann hier nicht eingegangen werden.) Die Bedeutung und Tragweite der Begriffe Lernen, Erziehung und Bildung kann nicht im Rekurs auf einen Begriff von der Sache selbst, also essentialis- tisch begründet werden, sondern nur in der Rekon- struktion der Bedeutungen, die sich innerhalb ge- sellschaftlicher, nationaler und fachlich geprägter Diskurse ausgebildet haben. Der Begriff ‚Lernen‘ thematisiert primär Aufbau und Erweiterung von Verhaltens- und Wissensmustern; der Begriff ‚Er- Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art016, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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