Handbuch 5. Auflage

Bildung 207 ziehung‘ rekonstruiert Formen, spezifische Bedeu- tungen und Spannungen der Kommunikations- und Interaktionsmuster zwischendenGenerationen und in pädagogischen Rollen; der Begriff ‚Bildung‘ zielt auf das Subjekt, das sich bildet und gebildet wird und auf die Gestaltung der Welt, in der es sich bildet. Diese so nur andeutungsweise skizzierten Unter- schiedlichkeiten der Aspekte, die allerdings im Einzelnen mit vielfältigen Überschneidungen ein- hergehen, kann ich hier nicht weiter verfolgen. Es scheint mir aber wichtig festzuhalten, dass die ge- genwärtige Verwendung des Begriffs ‚Bildung‘ für das Insgesamt pädagogischer Unternehmungen nur eine Möglichkeit neben anderen ist und dass sie auf die Ergänzung durch andere Aspekte ver- wiesen bleibt. Bildung wird zurzeit nicht nur in diesem allgemei- nen Sinn benutzt, sondern zur Bezeichnung sehr spezifischer Momente im weiten Feld von Bildung. Der Begriff ‚Bildung‘ war schon immer und ist in der heutigen öffentlichen und fachlichen Diskus- sion ein Containerbegriff. Einige Begriffsverwen- dungen sollen im Folgenden kurz skizziert wer- den. Im Zentrum der derzeitigen Diskussion steht die Vorstellung von Bildung als schulischem Lernen und kanonisierten Wissensbeständen, wie sie in der curricularen Strukturierung des Unterrichts systematisch vermittelt werden. Bildung, so ver- standen, bezieht sich vornehmlich auf den Erwerb kognitiver Kompetenzen. – In anderen Kontexten wird Bildung weiter gefasst; es geht um das Ins- gesamt der kognitiven, sozialen, emotionalen, äs- thetisch-expressiven, praktischen und leibbezoge- nen Kompetenzen. – Bildung meint, von da ausgehend, auch ein Gefüge von Kompetenzen und Wissen, die dem Menschen gesellschaftliche Anerkennung und gesellschaftlichen Status sichern; Bildung markiert die Differenz zum Ungebilde- ten. – Bildung repräsentiert sich in Zeugnissen und Zertifikaten; Anstrengung um Bildung ist auch Kampf um Noten und Qualifikationsnach- weise. – In einem sehr allgemeinen Sinn meint Bildung die Auseinandersetzung des Menschen mit der Welt, in der er seine Lebensgestalt findet. – In diesem Zusammenhang wieder enger gefasst meint Bildung die Eigentätigkeit und Eigenständigkeit des Menschen in der Auseinandersetzung mit der Welt, also Selbstbildung. – Normativ ausgelegt, zielt Bildung auf die Orientierung der Lebens- gestaltung an sozial-ethischen Prinzipien; Bildung meint das Streben nach einem gelingenden Le- ben. – Als kritisch pointiertes normatives Konzept sieht Bildung den Menschen in der Spannung von Herrschaft und Selbstbestimmung, in dem er sich als Subjekt seines Lebens in und gegenüber gesell- schaftlichen Zwängen erfährt; Bildung erschöpft sich nicht in der Erfüllung gesellschaftlicher Auf- gaben und wehrt sich gegen entfremdende Verhält- nisse. Die Unübersichtlichkeit der gegenwärtigen Diskus- sion hat sicher ihren Grund auch darin, dass diese Bildungsbegriffe nebeneinander und gegeneinander benutzt werden, dass sie sich gegenseitig Konkur- renz machen, wenn sie einander nicht ignorieren. Diese Auseinandersetzungen um den Bildungs- begriff in den gesellschaftlichen, bildungspolitischen und fachlichen Kontexten will ich hier nicht verfol- gen; statt dessen will ich ein orientierendes Raster entwerfen, in dem unterschiedliche Bestimmungen von Bildung als Aspekte im allgemeinen Konzept von Bildung und Bildungswesen zueinander in Be- ziehung gesetzt werden. Die Leistung eines solchen orientierenden Rasters ist beschränkt, ein Raster ist keine Theorie. Es geht um die Vermessung des Fel- des, nicht aber um seine Bestellung. Ausgang der folgenden Überlegungen ist nicht das dominante Bildungsverständnis von schulischer Bildung, sondern das Verständnis von Bildung als anthropologisch-gesellschaftliches Faktum. Bil- dung meint die Auseinandersetzung des Menschen mit der Welt und die Ausprägung seiner Lebens- gestalt in einem lebenslangen Prozess. Leben, Er- fahrungen und ihre Bewältigung ergeben, in wel- cher Form auch immer, eine Lebensgestalt. Das Leben bildet; Menschen leben, indem sie eine Bil- dungsgeschichte haben (Jens /Thiersch 1987). Dieser allgemeine Ansatz wird auch gestützt durch die neueren Ergebnisse der Neurobiologie, die deutlich machen, dass und in welchen Formen der Mensch physiologisch auf Bildung angelegt ist (Spitzer 2006). Bildungsprozesse können an Zielen orientiert sein; solche normativen Konzepte von Bildung sollen als Projekt Bildung bezeichnet werden. Die Ziele pro- filieren sich unterschiedlich in verschiedenen ge- sellschaftlichen, politischen und individuellen Konstellationen. Solche Projekte können verstan- den werden als die spezifisch pädagogische Fassung

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