Handbuch 5. Auflage

216 H. Thiersch  genommen und kompensiert in einer neuen morali- sierenden Beschwörung von Alltags- und Familien- tüchtigkeit; sie wird begleitet durch massive Be- schwörungen der alten Tugenden der Einordnung und Disziplin (Brumlik 2007). Die notwendigen und aufwändigen Anstrengungen heutiger Bildung werden dethematisiert und denunziert. – Schulische Bildung gerät im Druck des Leistungsanspruchs in die Zwänge von Leistungsmessungen, die zwar zu- nehmend vom Schulstoff distanziert und auf Kom- petenzen bezogen sind, aber in Formen gefasst wer- den, die die Kompetenzen eher rigide definieren und die Offenheit des Lernens einengen (Heinrich 2007). In den Konkurrenzanstrengungen werden die Freiräume eines selbst bestimmten, offenen Ler- nens eingeschränkt, die im Zug der Schulreform so zögernd gewonnen wurden. – Die aufwändigen An- strengungen der Sozialen Arbeit werden, wenn sie nicht im Interesse schulischer Leistungsanforderun- gen instrumentalisiert sind, eher zurück genommen und vor allem auf Kontrollaufgaben konzentriert. Auch Soziale Arbeit wird – parallel zu den strikten Maßstäben schulischer Leistungsmessung – in rigide technologisch bestimmte Arbeits- und Organisati- onsvollzüge eingepasst, die die für ihre Arbeit exis- tentiell notwendigen Suchbewegungen und Um- wege unterlaufen. Wenn diese Entwicklungen sich gegenseitig bestärken und vernetzen, zeichnet sich die Karikatur einer Bildungslandschaft am Horizont ab, die Züge der Schreckensvision einer „schönen neuen Welt“ (Huxley 1987) zeigt. Zum Ausbau der Entwicklungszugänge im Hori- zont einer zunehmenden Vergesellschaftung von Bildung in unserer Gesellschaft gibt es keine Alter- native. Darin aber braucht es die ausdrückliche Stärkung der Kräftigkeiten und Eigensinnigkeiten im informellen Lernen des Alltags, also den Res- pekt vor dem „RohstoffWirklichkeit“ (Negt /Kluge 1972). Notwendig ist es, Widersprüche und Brü- che zwischen den Bildungssystemen so zu nutzen, dass Offenheiten und Freiräume für die Gestaltung von Bildungsgeschichten erhalten bleiben, ebenso nötig aber ist es, dass diese allgemeinen Entwick- lungen angetrieben werden durch die dezidierte Förderung gleichsam voranpreschender Modelle. Solche Bemühungen verlangen Engagement und Ressourcen. Sie aber sind bestimmt und einge- schränkt durch die Gewalt gesellschaftlicher, öko- nomischer und politischer Entwicklungen. Der pädagogische und bildungspolitische Kampf gegen Bildungsarmut ist notwendig, aber nicht der ein- zige Ansatz um gegen Ungerechtigkeit und Unsi- cherheit in der Gesellschaft anzugehen. Das bil- dungspolitische Engagement darf nicht dazu verführen, Bildung und Bildungspolitik irreal zu überfordern und zugleich die politisch-gesellschaft- lichen Probleme in den Hintergrund zu drängen. Schließlich: Jenseits der überfälligen und notwendi- gen Anstrengungen zur Verbesserung des Bildungs- wesens und unabhängig von den Grenzen dieser Anstrengung in den politisch-gesellschaftlichen Strukturen bleiben Bildung und Bildungsgeschich- ten riskant. Gelingende Bildung ist – wie mensch- liches und gelingenderes menschliches Leben im- mer – als Lebensgestaltung im Risiko von Freiheit offen und immer auch bestimmt durch situative Fügungen, durch Konstellationen des Zufalls, durch Schicksalsschläge und Glück. Dies zu wissen darf kein Vorwand sein, die überfälligen Aufgaben der Gestaltung von Bildungsprozessen nicht mit aller Energie und allen Ressourcen voranzutreiben. Literatur Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2008): Bildung in Deutschland. Bertelsmann, Bielefeld Baumert, J. (2002): Deutschland im internationalen Bil- dungsvergleich. In: Killius, N., Kluge, J., Reisch, L. (Hrsg.): Die Zukunft der Bildung. Suhrkamp, Frank- furt/M., 100–150 Bloch, E. (1977): Gesamtausgabe. Bd. XIII. Suhrkamp, Frankfurt/M. Böhnisch, L. (2008): Sozialpädagogik der Lebensalter. Eine Einführung. 5.Aufl. Juventa, Weinheim/München –, Schröer, W., Thiersch, H. (2005): Sozialpädagogisches Denken. Auf demWege zu einer Neubestimmung. Juventa, Weinheim/München Bollenbeck, B. (1996): Bildung und Kultur. Suhrkamp, Frankfurt/M. Böllert, K. (2008): Aufwachsen in öffentlicher Verantwor- tung. Zur Bildungsidee des 11. Kinder- und Jugendbe- richts. In: Rauschenbach, T., Otto, H.-U. (Hrsg.): Die andere Seite der Bildung. Zum Verhältnis von formellen und informellen Bildungsprozessen. 2.Aufl. VS Verlag, Wiesbaden, 209–222

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