Handbuch 5. Auflage

218  Bildungsforschung Von Rudolf Tippelt Die Entwicklung der Bildungsforschung steht seit Beginn der 1960er Jahre in einem engen sachlichen Zusammenhang mit der Bildungs- und Sozialpla- nung sowie der Bildungspolitik. Insbesondere der Ausbau des Bildungswesens auf nationaler und in- ternationaler Ebene hat verstärkt zu einer Entwick- lung und Differenzierung der Bildungsforschung geführt. Die Aufgabe der Bildungsforschung liegt darin, wissenschaftliche Informationen bereit- zustellen, um eine rationale Begründung bildungs- politischer Entscheidungen zu ermöglichen. In den 1960er Jahren entstanden mit dem Auf- schwung der Bildungsplanung sehr schnell eine größere Zahl außeruniversitärer Einrichtungen der Bildungsforschung. Neben den staatlichen För- derern (Bund und Länder) waren von Anfang an auch private Stiftungen am Aufbau der Bildungs- forschung beteiligt, insbesondere die Volkswagen- Stiftung, die für mehrere Forschungsinstitute die Startfinanzierung bereitstellte (Weishaupt et al. 1991). Gleichzeitig führte die Expansion der Hoch- schulen zu einer fachlichen Differenzierung und in diesem Zusammenhang auch zu einer partiellen Übernahme des sozialwissenschaftlich-empirischen Ansatzes der Bildungsforschung in der Erziehungs- wissenschaft. Nach einer Empfehlung des Deutschen Bildungs- rates (1974) hat Bildungsforschung die Unter- suchung der Voraussetzungen und Möglichkeiten von Bildungs- und Erziehungsprozessen im institu- tionellen und gesellschaftlichen Kontext zum Ge- genstand, sie analysiert die Lehr- und Lernprozesse in schulischen und außerschulischen Bereichen und sie thematisiert auch die nichtinstitutionalisierten Sozialisationsbereiche. Stand in den 1970er und 1980er Jahren die organisatorische und ökonomi- sche Einbettung des Bildungswesens in Staat und Gesellschaft im Zentrum des Interesses (Cortina et al. 2008), so sind es heute die Herausforderungen des chancengerechten Bildungszugangs im Kontext des Lebenslangen Lernens (Konsortium Bildungs- berichterstattung 2006; 2008). Bezugsdisziplin der Bildungsforschung ist die Erziehungswissenschaft bzw. Pädagogik. Da allerdings Bildungsprozesse von gesellschaftlichen Bedingungen und verschiedenen individuellen Entwicklungsfaktoren beeinflusst wer- den, sind an der Bildungsforschung auch andere Fachdisziplinen wie die Soziologie, die Psychologie oder die Wirtschaftswissenschaft beteiligt (Tip- pelt/Schmidt 2009). Zentrale Themen waren und sind die Modernisierung und Effektivierung des Bildungssystems. Starke Impulse erhielt die Bildungsforschung von der sozialen Disproportionalität im Bildungswesen, d. h. insbesondere von dem in internationalen em- pirischen Untersuchungen festgestellten, verfestig- ten Zusammenhang von sozial-ökonomischem Milieu, Schulleistung und Bildungsniveau. Un- gleiche Bildungschancen wiederum bedeuten eine ungerechte Verteilung der Sozial- und Lebenschan- cen. Die „soziale Vererbung von Bildung, beruf­ licher Position und gesellschaftlichem Status“ stellt die zentralen Legitimationsgrundlagen moderner Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften in Frage (Baumert et al. 2001). Dieses empirische Faktum widerspricht der Idee der formal gleichen Bildungschance, also der allgemeinen Möglichkeit jedes Individuums, eine seiner individuellen Eig- nung und Neigung entsprechende Bildung zu er- werben, unabhängig von sozialer Herkunft und wirtschaftlicher Lage der Eltern, wie dies verfas- sungsrechtlich gesichert ist (von Friedeburg 1989). Schon in den 1960er und 1970er Jahren wurde der Ausbildungsrückstand der Kinder bestimmter Be- völkerungsgruppen (in Deutschland z.B. Arbeiter-, Land-, Ausländerkinder, Mädchen, z.T. auch Ka- tholiken) stark thematisiert. Die Unterrepräsentanz dieser Bevölkerungsgruppen bei den Absolventin- Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art017, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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