Handbuch 5. Auflage
22 Schirp das Eingehen nicht mehr beherrschbarer Risiken, nach sich ziehen (Rose 2000, 38). Bei der Planung und Gestaltung abenteuerlicher Arrangements gilt es demnach, Blickwinkel und Perspektiven so aus- zurichten, dass die Subjektlogik berücksichtigt wird, die immer auch geschlechtsspezifische Facetten auf- weist. Männliches oder weibliches Handeln kann dann vor dem Hintergrund der jeweiligen pädago- gischen Situation angemessen rekonstruiert werden. Anregende abenteuerliche Bildungssituationen zu arrangieren, bedeutet somit, eine situations- und persönlichkeitsangemessene Balance von einerseits Geduld, Vorsicht und Reflektion und andererseits Mut, Selbstvertrauen und Risikobereitschaft zu för- dern, um dadurch einengenden geschlechtsstereo typen Mustern zu begegnen (Germscheid 2008 für die Jungenarbeit). Schlussbetrachtungen Die Herausforderungen für die Praxis zeigen, dass der Entwicklungsprozess der Abenteuer- und Er- lebnispädagogik längst nicht abgeschlossen ist. Im- mer mehr rücken auch internationale Kooperatio- nen und Vernetzungen in den Blick, die einerseits zu belebenden Impulsen in der Auseinanderset- zung mit der Diversität der unterschiedlichen nati- onalen Ausprägungen der Abenteuer- und Erleb- nispädagogik führen können (zu den verschiedenen kulturellen Traditionen der Abenteuerpädagogik in Europa generell Becker / Schirp 2008; Higgins / Humberstone 1998), die andererseits aber gleich- zeitig die Gefahr der Standardisierung (Loynes 1996) und Vereinheitlichung beinhalten. Die Erlebnispädagogik könne die Pädagogik der Moderne schlechthin sein, so Michael Winkler (1996; 2007). Gleichzeitig drohe ihr in der moder- nen Gesellschaft jedoch, dass sie zur „angewandten Sozialisation für postmoderne Verhältnisse“ werde (2007, 291), dass das erzieherisch genutzte Über- schreiten von Grenzen zum Selbstzweck wird, dass die Erlebnispädagogik mithin der Dynamik verfällt, die das Prinzip der Grenzüberschreitung gesellschaft- lich zunehmend angenommen habe. Degeneriert die Abenteuerpädagogik und Erlebnispädagogik also zu einem Bestandteil der schillernden und entfrem- denden Konsummärkte im Rahmen einer öffentlich subventionierten Angebotspädagogik? Bleibt es beim kurzfristigen Thrill, den Kinder und Jugendli- che bei abenteuerlichen Unternehmungen als kom- pensatorische Reaktion auf eine sich nach und nach weiter entsinnlichende oder entkörperlichende Le- benswelt punktuell erleben dürfen? Oder gelingt es der Abenteuer- und Erlebnispädagogik tatsächlich, sich jenseits einer kulturkritischen Attitude als zeit- gemäßer Bildungsansatz zu profilieren – nicht als romantischer Gegenentwurf zur Schule, sondern als ein gleichberechtigter Zugang zur Welt, in dem die ganze Person imMittelpunkt steht? Mit dem Begriff des Abenteuers und seinem Strukturkern eines spie- lerischen Wechselspiels von Krise und Routine könnte diese Versöhnung der Abenteuer- und Erleb- nispädagogik mit der Moderne gelingen. Die im Abenteuer „geforderte Bereitschaft, sich nicht auf bewährte Routi- nen zu verlassen, Bestehendes unter Bewährungsdruck zu bringen oder mit Grenzen zu experimentieren und da- mit eine ungewisse und unsichere Zukunft zu öffnen, die den Umgang mit Unbekanntem und Unvorhersehbarem zur Folge hat, etabliert eine Praxis, die keine Entlastung von den Bedingungen der Moderne ist, sondern sie ist ein Teil von ihr, ebenso wie sie deren Leitideen aktiv zur Gel- tung bringt.“ (Becker 2008, 51; deutsche Übersetzung des englischen Originaltextes) In diesem Verständnis ist das Abenteuer eine Meta- pher für eine über die Lebensphase Jugend hinaus- weisende Daseinserfahrung (Becker 2012; Thiersch 2004, 439), die ihren Sinn und ihre Berechtigung in sich selbst und damit auch jenseits der vielfälti- gen sozialpädagogischen Instrumentalisierungen findet. Literatur Andresen, S. (2007): Erlebnissemantiken und ihre Bedeu- tung für den Umgang mit Modernisierungsphänomenen. In: Becker, P., Braun, K.-H., Schirp, J. (Hrsg.), 83–98 Bauer, H. G. (2001): Erlebnis- und Abenteuerpädagogik. Eine Entwicklungsskizze. Rainer Hampp, München/Mering Becker, P. (2012): Am Lagerfeuer und auf Fahrt. Fiktive und reale Abenteuer als zwei Medien jugendlicher Autonomie- bestrebung. In: Conze, E., Witte, M. (Hrsg.): Pfadfinden. Eine globale Erziehungs- und Bildungsidee aus interdiszi- plinärer Sicht. Springer VS, Wiesbaden, 121–143
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