Handbuch 5. Auflage

Bildungsforschung 223 werkstatt, Betrieb und Berufsschule angestrebt. Sozialpädagogische Interventionen sind bei diesen „Benachteiligten“ des Bildungssystems von großer Bedeutung. Bildungsforschung wiederum hat die Aufgaben der sozialpädagogischen Hilfen bei Aus- bildungsschwierigkeiten, die konkrete Implemen- tierung von Stütz- und Förderunterricht und die Hilfen bei Problemen im Betrieb, in der Familie und im sozialen Umfeld präzise zu analysieren. Auch nach Beendigung der Ausbildung muss durch soziale und fachliche Hilfen der Übergang in den Arbeitsmarkt sozialpädagogisch unterstützt wer- den. Eine kontinuierliche Evaluierung und Bera- tung solcher Maßnahmen unter Berücksichtigung sozialpädagogischer Expertisen, die teilweise in das berufliche Parallelsystem eingingen, das heute quantitativ fast so viele Jugendliche anspricht wie das chanceneröffnende Duale System, ist in hohem Maße erforderlich (Konsortium Bildungsbericht- erstattung 2006; Autorengruppe Bildungsbericht- erstattung 2008). Seit geraumer Zeit hat sich, parallel zu konjunk- turellen Schwankungen, zur Stagnation und teil- weise Reduktion der Bildungs- und Sozialetats, eine intensive Diskussion über Qualitätsmanage- ment und eine damit verbundene Evaluations- forschung von Bildungseinrichtungen entwickelt. Den Verfahren des Bildungscontrolling und des Qualitätsmanagements werden Hochschulen, Weiterbildungseinrichtungen, Schulen, betriebli- che Bildungseinrichtungen und soziale Dienst- leistungsträger gleichermaßen unterworfen. Da- bei dienen die verschiedenen Formen der Evaluierung manchmal mehr der ökonomischen Effektivität, manchmal mehr der pädagogischen Qualitätssicherung (Klieme /Tippelt 2009). Ge- genüber den summativen Output-Evaluationen setzen sich zunehmend prozessorientierte Ansätze durch. Diese Ansätze bewerten nicht das letzt- liche Ergebnis einer sozialen Hilfeleistung oder einer Bildungsmaßnahme, sondern den Prozess der Durchführung selbst (Fend 2007). Auf der Grundlage von Phasenmodellen des Bildungsver- laufs bzw. des Verlaufs einer sozialen Dienstleis- tung werden die Qualität der Programme und Interventionen, aber auch die organisatorischen Rahmenbedingungen eines Bildungsanbieters oder sozialen Trägers bewertet. Die Kriterien für die Qualität von Bildung oder von sozialen Interventionen variieren: So sind Formen der Selbstkontrolle von Bildungsträgern und sozialen Verbänden anhand von selbstgesetzten aber ver- öffentlichten Maßstäben beobachtbar, es gibt aber auch Verfahren der Qualitätssicherung durch be- hördliche Eingriffe in den Angebotsmarkt und konkrete Verfahrensvorschriften zur Durchfüh- rung von Weiterbildungsmaßnahmen oder sozia- len Interventionen, es gibt schließlich auch eine in Eigenverantwortung von Bildungsträgern durchgeführte Qualitätssicherung an trägerüber- greifenden allgemeinen Normen. In der auf die Weiterbildung gerichteten Bildungs- forschung musste in den letzten Jahren immer wieder gezeigt werden, dass Weiterbildung ins- besondere von jenen angestrebt und aufgenommen wird, die bereits über einen hohen Bildungs- abschluss verfügen. Aufsuchende Bildungsberatung und sozialpädagogische Stützung von Weiterbil- dungsmaßnahmen für bestimmte soziale Milieus sind notwendig. Die Weiterbildung mit älteren Menschen ist ebenso mit sozialpädagogischen Pro- blemen konfrontiert. Die sich mit Migrationspro- zessen beschäftigende Bildungsforschung hat auf- gezeigt, dass junge Frauen ausländischer Herkunft ein großes Interesse an beruflicher Qualifizierung besitzen und auch die erforderlichen Schritte un- ternehmen, um die von ihnen angestrebten Bil- dungswege zu realisieren. Der im Vergleich zu deutschen Mädchen dennoch feststellbare Ausbil- dungsrückstand ist auf die geschlechtsspezifische Segmentierung des Ausbildungsstellenmarktes und auf das Rekrutierungsverhalten der Arbeitgeber, das manchmal noch immer von stereotypen Bil- dern, insbesondere über junge Frauen ausländischer Herkunft gekennzeichnet ist, zurückzuführen. Auch dieses letzte Beispiel zeigt, dass in einer sozial- pädagogisch akzentuierten Bildungsforschung nicht nur der Problemgruppenansatz anzuwenden ist, sondern dass in vielen Fällen ein kompetenztheoreti- scher Ansatz greift, der den vermeintlichen Problem- gruppen nicht Defizite anlastet, sondern Aspekte des sozial-ökologischen Umfeldes, der ökonomi- schen und politischen Rahmenbedingungen, für Problemlagen von Bevölkerungsgruppen als inter- ventionsrelevant aufzeigt. Die aktuellen Forschun- gen zum lebenslangen und lebensbegleitenden Ler- nen weisen ebenso darauf hin, dass das Erschließen der Kompetenz von Individuen und der Selbsthilfe- potenziale sozialer Gruppen von großer Bedeutung für die Innovationsfähigkeit des Bildungswesens ist.

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