Handbuch 5. Auflage
222 Tippelt Abstimmungsprobleme erkennen, die insbesondere für junge Menschen beim Übergang von Schule und Beruf oder von Ausbildung in die berufliche Tätigkeit schmerzlich spürbar wurden. Auch die nach wie vor gegebenen Herausforderungen des Bildungswesens durch die Vereinigung Deutsch- lands und die europäische Integration sind noch keinesfalls gelöst, und Weiterentwicklungen des Bildungssystems sind daher gefordert. Bildungsforschung ist also in jedem Fall hohe ak- tuelle Relevanz zuzusprechen. Historische, verglei- chende, internationale, theoretisch-interdiszipli- näre und empirische Studien sind erforderlich, um die Voraussetzungen und Bedingungen für Ver- änderungen im Bildungswesen genauer abzuklären. Aber welche besonderen Forschungsschwerpunkte der Bildungsforschung sind aus sozialpädago gischer Perspektive interessant und zur eigenen Problembearbeitung wichtig? Von der auf schu- lische Prozesse bezogenen Bildungsforschung wis- sen wir, dass sich Bildungsabschlüsse zunehmend zum notwendigen Mittel gegen einen sozialen Ab- stieg interpretieren lassen und kaum mehr garan- tieren als die Berechtigung zur Teilnahme am Kon- kurrenzkampf um knappe Positionen und Privilegien – ein Konkurrenzkampf, der an Schärfe nicht verloren hat (Bourdieu 2009). Erschwerend kommt hinzu, dass in diesem Prozess Eltern häufig in ihre Kinder Vorstellungen und Lebensplanungen hineinprojizieren, die – zwar im Interesse der Kinder gemeint – sich aber gegen die Kinder verkehren können (Eltern antizipieren, dass das eigene Kind, soll es die eigene berufliche Posi- tion halten oder diese sogar überbieten, einen for- mal höheren Schulabschluss anstreben muss, als man ihn selbst erreicht hat). Daraus resultieren so- zialpädagogische Aufgaben, im Umgang mit Leis- tungsdruck und bei der Herstellung einer verbes- serten Schulkultur. Aktuelle Forschungen zur Qualität von Schule und insbesondere zur flächendeckenden Einführung der Ganztagsschule können auf sozialpädagogische Pro- blemanalysen und begründeten Aktivitäten nicht verzichten (Otto /Oelkers 2006). In der auf den Übergang von Schule und Beruf gerichteten Bil- dungsforschung wurde herausgearbeitet, dass unter den Bedingungen der Bildungsexpansion und des ungünstigen Berufsbildungs- und Arbeitsmarktes die „Verdrängungshypothese“ gut belegt ist (Tip- pelt / van Cleve 1995; Konsortium Bildungsbericht- erstattung 2006). Ein geringes Ausbildungsniveau oder ein Ausbildungsverzicht erhöhen das Risiko, arbeitslos zu werden. Dieser in den 1970er Jahren gefundene Zusammenhang gilt auch am Anfang des 21. Jahrhunderts. Migration stellt in diesem Zusammenhang einen zusätzlichen Risikofaktor dar. Der Verlust des Arbeitsplatzes oder die Aus- grenzung aus Berufsbildungsprozessen hat keine präzise beschreibbare psychische Verarbeitungs- weise bei den Betroffenen zur Folge. Sozialpädago- gisches Know-how ist sowohl bei der Konzipierung und Durchführung entsprechender Analysen der sozialen und psychischen Folgen von Arbeitslosig- keit notwendig wie auch bei der Durchführung und Begleitung von sozial integrierenden Maßnahmen. Mit der globalen Verknappung der Ausbildungs- plätze hat sich eine verschärfte Hierarchisierung des Ausbildungssystems entwickelt, so dass ein Drittel aller Ausbildungsplätze in der Industrie und im Dienstleistungssektor bereits von Abituri- enten besetzt werden. Auch in modernen, neu ge- ordneten Handwerksberufen ist ein Realschul- abschluss heute mittlerweile eher die Regel als die Ausnahme, mit einem schlechten Hauptschul- abschluss oder gar ohne einen solchen ist eine qualifizierte Berufsausbildung betrieblicher Art nicht mehr zu realisieren. Ein stark expandiertes „Parallelsystem“ von kurzen und kaum zertifizier- ten Kursen senkt zwar die Jugendarbeitslosigkeit, bietet aber den betroffenen gering Qualifizierten kaum berufliche Entwicklungschancen. Der An- teil eines Jahrgangs, der ohne Schul- und Berufs- abschluss bleibt, ist nach wie vor sehr hoch, auch in Folge des häufigen Ausbildungsabbruchs (Cor- tina et al. 2008). Um diese sozio-ökonomische Marginalisierung in Grenzen zu halten, haben Bund, Länder und Kom- munen bereits Mitte der 1980er Jahre eine öffent- lich subventionierte Förderung aufgebaut. Jugend- liche und junge Erwachsene, die aufgrund gesellschaftlicher, schulischer und persönlicher Schwierigkeiten keine Chance im betrieblichen Ausbildungssystem haben, sollen eine berufliche Vollausbildung in anerkannten Ausbildungsberu- fen erhalten. Zu den Grundlagen dieser „Benach- teiligtenförderung“ von der man auch heute lernen kann, gehört es, die Ausbildung verschiedenster jugendlicher Problemgruppen durch sozialpädago- gische Maßnahmen zu fördern. Dabei wird ein Lernortverbund zwischen außerbetrieblicher Lehr-
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