Handbuch 5. Auflage
225 Bildungspolitik Von Wolfgang Mack Bildungspolitik ist ein Politikbereich, der die Her- vorbringung von Bildung im Interesse der Gesell- schaft als Aufgabe und Ziel hat. Gegenstand von Bildungspolitik sind somit Schaffung, Erhaltung, Strukturierung und Steuerung eines öffentlich kontrollierten und finanzierten Bildungssystems und die Sicherung und Ermöglichung des Rechtes auf Bildung für alle Mitglieder der Gesellschaft. Dieser Gegenstandsbereich und diese Aufgaben gelten für alle modernen Gesellschaften, mit der Aufnahme des Rechtes auf Bildung in die Charta der Menschenrechte der UN muss sich die Bil- dungspolitik aller Nationalstaaten an diesem welt- weiten Maßstab messen lassen. Neben globalen Gemeinsamkeiten in der Aufgabe und im Gegen- stand von Bildungspolitik gibt es große Unter- schiede in der Ausgestaltung dieses Politikbereichs in den einzelnen Staaten. Dazu tragen historische Entwicklungen, die in ihrer Wirkung auf das Bil- dungssystem lang anhaltende Traditionen und Besonderheiten hervorbringen, politisch-adminis trative, sozial-kulturelle und ökonomische Bedin- gungen und Gegebenheiten bei. Für Bildungspoli- tik in Deutschland ist insbesondere die föderale Struktur der Bundesrepublik mit der Kulturhoheit der Länder und die Entstehung und Verfestigung des Schulsystems von besonderer Bedeutung. Betrachtet man in traditioneller Sicht den Hand- lungsbereich von Bildungspolitik, so kommen Schule, Berufsbildung und Hochschule in den Blick, ergänzt um Erwachsenen- und Weiterbil- dung. Die wichtigsten bildungspolitischen Akteure sind Bund, Länder und Kommunen, in Bezug auf die in Deutschland besondere Form der dualen Berufsbildung auch die Wirtschaft und ihre Ver- bände. Fasst man den Gegenstandsbereich von Bildungspolitik nicht in dieser traditionellen Weise eingegrenzt auf Institutionen formaler Bildung und betrachtet man die Gesamtheit der politisch steuerbaren Rahmenbedingungen für Bildungspro- zesse von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, erweitert sich ihr Gegenstandsbereich beträchtlich. In sozialpädagogischer Perspektive wird ein Ver- ständnis von Bildungspolitik diskutiert, das den Bildungsprozess des Subjekts als Bezug wählt und von dort aus bildungspolitische Aufgaben und Fra- gen aufgreift. Dieser Beitrag fokussiert auf Bildung von Kindern und Jugendlichen im Schulalter und auf den Übergang von der Schule in Ausbildung und Erwerbsarbeit. Das Interesse gilt vor allem bildungspolitischen Fragen und Herausforderun- gen, die für die Sozialpädagogik besonders bedeut- sam sind. Das Bildungssystem in Deutschland weist im Ver- gleich mit anderen modernen Gesellschaften einige Besonderheiten auf und sieht sich vielfacher, auch international artikulierter, Kritik ausgesetzt, die sich besonders am Problem der durch das Schulsystem hervorgerufenen Ungerechtigkeit festmacht. Vor allem der enge Konnex von Bildungserfolg und so- zialer Herkunft, einer der Hauptpunkte der Kritik am deutschen Schulsystem, ist durch internationale Leistungsvergleichstudien empirisch nachgewiesen und belegt. Allerdings werden in der bildungspoliti- schen Diskussion unterschiedliche Gründe ange- führt. Einer der Kritikpunkte bezieht sich auf, durch die Schulstruktur hervorgerufene, Benachtei- ligungen von Kindern aus unteren sozialen Status- gruppen der Gesellschaft, die bei den frühen Bil- dungslaufbahnentscheidungen in der Grundschule benachteiligt werden, da dabei primäre Bildungs- benachteiligungen aufgrund ihrer sozialenHerkunft durch sekundäre Benachteiligungen aufgrund der Wahlentscheidungen verstärkt werden. Schulstruk- turelle Reformen sind in Deutschland nach den Auseinandersetzungen um die Gesamtschule in der alten Bundesrepublik in den 1970er Jahren nach wie vor nur schwer durchzusetzen, diesbezügliche Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art018, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=