Handbuch 5. Auflage
226 Mack bildungspolitische Diskussionen sind immer noch stark ideologisch eingefärbt. Dies rührt auch daher, da mit der Frage der Schulstruktur, insbesondere mit der Frage der Einführung einer gemeinsamen Schule für alle Kinder und Jugendlichen in der Se- kundarstufe I und damit verbunden der Auflösung des Gymnasiums als eigenständiger Schulform, ge- sellschafts- und machtpolitische Fragen im Vorder- grund stehen und Privilegien derjenigen sozialen Gruppen, die von dem bestehenden gegliederten Schulsystem profitieren, zur Disposition stehen. Bildungspolitik bewegt sich dabei in einer wider- sprüchlichen Gemengelage von macht- und gesell- schaftspolitischen Interessen, eine genuine bil- dungspolitische Rationalität kann sich deshalb nur schwer durchsetzen (Friedeburg 1989). Bildungsbenachteiligungen von Kindern und Ju- gendlichen unterer sozialer Statusgruppen werden auch durch andere Charakteristika des deutschen Schulsystems verstärkt; dazu gehören insbesondere Fragen der Gestaltung der Übergänge im gestuften Schulsystem, die Hürden darstellen und mit höhe- ren Risiken des Scheiterns in der Schullaufbahn verbunden sind; auch eine immer noch unterent- wickelte sozialpädagogische Kompetenz an den Schulen, repräsentiert durch Angebote und Dienst- leistungen der Jugendhilfe an der Schule, muss als Faktor gesehen werden, der Ungleichheit verstärkt. Schulstrukturen Das Schulsystem in Deutschland befindet sich ge- genwärtig in einem Umbau, der noch vor wenigen Jahren nicht möglich schien. Allerdings gibt es in diesem Prozess große Unterschiede zwischen den Bundesländern, und insgesamt wird an der geglie- derten Struktur des Schulsystems in Deutschland nach wie vor festgehalten. Zentrale Reformen stel- len die Verkürzung des Gymnasiums auf acht Jahre, der Auf- und Ausbau von Ganztagsschulen und ein schulstruktureller Umbau in der Sekundarstufe I dar. Das in Deutschland traditionell gegliederte Schulsystem ist in den Ländern der Bundesrepu- blik nach 1945 beibehalten worden, in der DDR ist mit der Polytechnischen Oberschule eine Schule für alle Schülerinnen und Schüler von der 1. bis zur 10. Klasse eingeführt worden. In der Bundes- republik ist in der Bildungsreform der 1960er und 1970er Jahre die Gesamtschule als weitere Schul- form eingerichtet worden, allerdings ist sie nur in wenigen Bundesländern in nennenswerter Zahl etabliert worden. Langfristige Wirkungen des gesellschaftlichen Mo- dernisierungsprozesses, demografische Entwick- lungen, Bildungsexpansion und vernachlässigte integrationspolitische Bemühungen haben zu Ver- werfungen im Schulsystem geführt (Cortina et al. 2008). Das zeigt sich in drastischer Weise in der Abkehr von der Hauptschule, einer Erosion, die bereits nach der Einführung der Hauptschule in den 1960er Jahren eingesetzt und sich seither kon- tinuierlich fortgesetzt hat. Trotz des Versuchs der Aufwertung der Hauptschule gegenüber der alten Oberstufe der Volksschule und vieler Versuche, die Hauptschule attraktiv zu machen, sinkt der Anteil der Schüler, die eine Hauptschule besuchen. Dem- gegenüber ist der Anteil der Schüler, die eine Re- alschule, und noch mehr, derer, die ein Gymna- sium besuchen, stark angestiegen; ein Gymnasium besuchen mittlerweile mehr als ein Drittel aller Schülerinnen und Schüler. Aufgrund der selektiven Schulwahlprozesse be- suchen überdurchschnittlich viele Kinder und Ju- gendliche aus sozial benachteiligten Verhältnissen und aus Familien mit Migrationshintergrund eine Hauptschule, was soziale Schwierigkeiten an Hauptschulen nach sich zieht und das Akzeptanz- problem dieser Schulform in der Öffentlichkeit verstärkt. Demografische Entwicklungen führen dazu, dass Hauptschulen, insbesondere kleine Hauptschulen in ländlichen Regionen, in ihrem Bestand gefährdet sind. In den meisten Bundesländern wird die Haupt- schule als eigenständige Schulform aufgelöst oder gibt es bereits keine eigenständige Hauptschule mehr. In den neuen Ländern sind nach 1990 Hauptschulen gar nicht eingerichtet bzw. relativ bald wieder aufgelöst worden. Auch im Westen werden in mehreren Ländern strukturelle Refor- men in Richtung einer Zweigliedrigkeit vorge- nommen, in einigen Ländern werden Gemein- schafts- und Regionalschulen eingeführt, mit unterschiedlichen Akzentuierungen und Organi- sationsformen. In diesen neuen Schulformen werden mehrere Bildungsgänge vereint, es ist teil- weise auch möglich, nach dreizehn Schuljahren an diesen Schulen zum Abitur zu gelangen. Auflösung der Hauptschule bedeutet allerdings nicht automatisch Auflösung der Hauptschulbil-
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