Handbuch 5. Auflage
233 Bindungsbeziehungen: Aufbau, Aufrechterhaltung und Abweichung Von Lieselotte Ahnert Bindungsbeziehungen sind eine besondere Form der Sozialbeziehungen, die sich durch emotionale Si- cherheit und Vertrautheit auszeichnen und mit nur wenigen Personen entstehen. Sie werden zunächst im unmittelbaren Kreis der Familie erworben, kön- nen sich aber auch auf signifikante andere Personen im Umfeld des Kindes sowie im weiteren Lebenslauf ausdehnen. Der Mutter-Kind-Bindung wird eine besondere Bedeutung beigemessen, weil sie durch biologische Mechanismen unterstützt wird, die durch Geburt und Stillen intensiviert werden (Ah- nert 2008a). Diese primären Bindungserfahrun- gen – die bei frühem Mutterverlust auch mit ande- ren Personen entstehen können – gelten jedoch als Basis für die Identitätsentwicklung sowie die He- rausbildung des Sozialverhaltens. Aufbau und Funktionsweise von Bindungsbeziehungen Die primäre Bindung stützt sich auf Verhaltenssys- teme, die Nähe zu einer Bezugsperson garantieren und infolgedessen für den unreifen und unerfahre- nen Nachwuchs Schutz und Sicherheit bedeuten. Diese sicherheitsgebenden Verhaltenssysteme sind bei Mensch und Tier in analoger Weise ausgebildet. Ethologische Studien gehen deshalb von genetisch prädisponierten Verhaltenssystemen aus, die auf evolutionsbiologische Adaptationsprozesse zurück- geführt werden (Bowlby 1969; 1973; Harlow 1958). Die Existenz des Bindungsmotivs wird danach mit besseren Überlebenschancen begründet. Bindungs- verhaltensweisen zeigen sich durch Anklammern an die Bindungsperson, akustisches Signalisieren, An- nähern und Nachfolgen. Beim menschlichen Neu- geborenen sind diese Verhaltensweisen jedoch nur in rudimentärer Form vorhanden und kaum funkti- onstüchtig. Anstelle dessen werden die frühen Kom- munikationstechniken des Säuglings als eine einzig- artige (menschliche) Alternative angesehen, Nähe herzustellen und sie auch aufrechterhalten zu kön- nen. Über ausdauernde Blickkontakte lernt das Baby das Gesicht seiner Betreuungsperson zu lesen, den emotionalen Ausdruck zu interpretieren und dessen Zuwendungs- und Betreuungsbereitschaft zu kalku- lieren (Hrdy 2002). Diese frühen Kommunikations- situationen bilden dann auch den Rahmen, in dem sich die Bindung entwickelt, dabei jedoch erheblich variieren kann, da zu ihrem Gelingen die Betreu- ungsperson signifikant beitragen muss. Typologie des Bindungsverhaltens Richtet ein geängstigtes und irritiertes Kleinkind sein Verhalten auf die Mutter in Form von Nähe- Suchen und Kontakt-Erhalten aus, so ist dies eine Bindungsbeziehung, wie sie Bowlby (1969) als „[…] strongly disposed to seek proximity to and contact with a specific figure and to do so in certain situations, notably when he [the child] is frighte- ned, tired or ill (371)“ beschrieben hat und von Ainsworth und Mitarbeitern (1978) als sog. sichere Bindung (Typ B) bestimmt wurde. Die Mutter fungiert hierbei als Sicherheitsbasis. Ihre Nähe und Verhaltensweisen helfen dem Kind, Angst und Hilflosigkeit zu bewältigen. Nicht immer ist jedoch eine Mutter in der Lage, eine Sicherheitsbasis für ihr Kind zu sein. Aus unsi- cheren Bindungsbeziehungen ist bekannt, dass Kleinkinder ihre Mutter regelrecht vermeiden kön- nen, ihr beispielsweise den Rücken zudrehen, ihren Blicken ausweichen und sich aus ihrer Berührung Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art019, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=