Handbuch 5. Auflage

234 Ahnert  oder unmittelbaren Nähe entfernen, wenn die Mutter helfen und trösten will. Um vermutlich Wut und Ärger erst gar nicht ausdrücken zu müs- sen, führen diese Kinder ihr Verhalten von der Mutter weg und versuchen, sich emotional selbst zu regulieren. Paradoxerweise hält genau dies eine gewisse Nähe zur Mutter aufrecht, da in derartigen unsicher-vermeidenden Bindungsbeziehungen (Typ A) unangemessene kindliche Emotionsäußerungen ausbleiben und die Interaktion regulär fortgeführt werden kann (Main 1981). Darüber hinaus gibt es eine unsicher-ambivalente Variante der Bindungs- beziehung (Typ C), bei der ein irritiertes Kind zwar Nähe und Körperkontakt bei der Mutter sucht, es jedoch nicht gelingt, die Irritationen abzubauen und emotionale Sicherheit zu erlangen. Während die aktuelle Bindungsforschung über die entwicklungspsychologischen Konsequenzen dieser unsicheren Bindungsvarianten streitet (Ahnert 2008a), werden desorganisierte Bindungsmuster (Typ D) übereinstimmend als entwicklungspsy- cho pathologisch angesehen. Desorganisierte Bin- dungsmuster sind Beziehungen, bei denen die Bindungsperson eine angsterzeugende Rolle im Leben des Kindes spielt. Diese Kinder bringen wi- dersprüchliche und z.T. bizarre Verhaltensbilder hervor, wenn ihre Mütter ihnen Sicherheit und Schutz anbieten wollen (Main / Solomon 1990). Das Inner Working Model Insgesamt lässt sich feststellen, dass Bindungen durch Beziehungen eines Kindes zu einer bevor- zugten Person (Bindungsperson) charakterisiert sind und keine Persönlichkeitsmerkmale darstellen (Bretherton 1985). Von daher werden Bindungs- beziehungen von Person zu Person verschieden ausgebildet und sind zeitlich auch veränderbar, vor allem zu Beginn der Bindungsentstehung. Bowlby (1969) verwendete kybernetische Aspekte gängiger Regelkreis-Mechanismen, um die Bindungsbezie- hung als ein dynamisches Modell konzipieren zu können, das sich auf Umweltveränderungen stetig neu einstellt. Ein zentraler Begriff in diesem Mo- dell ist das Inner Working Model (IWM), das die bindungsrelevanten Erfahrungen des Kindes intra- psychisch repräsentiert und dabei die Bindungs- person und das Selbst in dieser Beziehung charak- terisiert. Das IWM entwickelt sich erst über die Frühe Kindheit hinaus zu einer zunehmend stabi- len mentalen Bindungsrepräsentation. Für die Erfassung der mentalen Bindungsrepräsen- tation entwickelten Ainsworth et al. (1978) für Kleinkinder die Fremde Situation , in der zwei kurz- zeitige Trennungen des Kindes von der Mutter durchgeführt werden, um in der nachfolgenden Wiedervereinigung zu beurteilen, inwieweit die Mutter als Sicherheitsbasis fungiert. Auf diese Weise wird dann das jeweilige Bindungsmuster be- stimmt, das als sichere (Typ B), unsicher-vermei- dende (Typ A), unsicher-ambivalente (Typ C) und desorganisierte Bindung (Typ D) definiert wird. Die Fremde Situation wird als prospektive Me- thode benutzt, um entwicklungspsychologische Konsequenzen aus diesen Bindungserfahrungen zu untersuchen. Demgegenüber ist das Adult Attach- ment Interview (George et al. 1996; Überblick in Gloger-Tippelt 2001) entwickelt worden, um die mentale Bindungsrepräsentation bei Jugendlichen und Erwachsenen zu bestimmen. Das Interview wird als retrospektives Verfahren eingesetzt, um eine entstandene Entwicklungsabweichung vor dem Hintergrund von Bindungserfahrungen re- konstruieren zu können. Während die Fremde Si- tuation die verhaltensbezogenen Charakteristiken der Bindungssicherheit in ihren Anfängen erfasst, geht man beim Adult Attachment Interview von ei- ner bereits abstrahierten symbolischen Bindungs- repräsentation aus (Gloger-Tippelt 2001). Beide Verfahren verwenden analoge Kategorie-Systeme (siehe Tabelle), die allerdings nur dann miteinan- der korrelieren, wenn die Veränderungen im Be- treuungskontext der Heranwachsenden auf die notwendigen Entwicklungsaufgaben beschränkt bleiben und nicht durch zusätzliche kritische Le- bensereignisse gestört werden (Waters et al. 2000). Verfügbarkeit und Sensitivität der Bindungsperson Die Verfügbarkeit und Fürsorglichkeit der Bin- dungsperson wird in der klassischen Bindungstheo- rie als eine der wichtigsten Grundlagen beim Bin- dungsaufbau angesehen. Bowlby (1973) ging davon aus, dass Bindungssicherheit nur im Rahmen einer kontinuierlichen und sensitiven Betreuung des Kin- des erreicht werden kann. Infolgedessen sollten Kinder mit häufigen Trennungserfahrungen oder in

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