Handbuch 5. Auflage
242 Biographie Von Gisela Jakob Biographische Bezüge in Wissenschaft und Praxis Sozialer Arbeit Soziale Arbeit weist in ihren praktischen Hand- lungsvollzügen und in ihren wissenschaftlichen Konzepten und Diskursen vielfältige Bezüge zu Biographie auf. In beruflichen Kontexten sind Sozi- alpädagog(inn)en immer wieder mit biographi- schen Äußerungen der Adressat(inn)en konfron- tiert. Individuelle Problemlagen werden von den Adressat(inn)en mit dem Verweis auf zurücklie- gende Ereignisse und Erfahrungen begründet. Rückblicke auf die vergangene Lebensgeschichte werden zur Orientierung in Entscheidungssituatio- nen herangezogen. Autobiographische Erzählun- gen dienen den Adressat(inn)en zur Selbstdarstel- lung, um sich als Person mit einer eigenen Geschichte und Identität zu präsentieren. Über diese „nebenbei“ und ungeplant stattfinden- den biographischen Thematisierungen hinaus- gehend haben sich in der Sozialen Arbeit Settings herausgebildet, in denen explizit auf die Biographie Bezug genommen und Biographie gestaltet wird. Dazu gehören Fallanalysen, diagnostische Prozesse oder auch das Hilfeplanverfahren in den erzieheri- schen Hilfen ebenso wie die Arbeit an der Biogra- phie in Beratungskontexten und therapienahen Handlungsbereichen. Unter Stichworten wie „Bio- graphiearbeit“ und „biographische (Fall-)Arbeit“ ha- ben sich in der Sozialen Arbeit und in angrenzen- den Feldern wie der Pflege und der Behindertenhilfe zahlreiche Ansätze etabliert, in denen biographi- sche Methoden explizit für Lern- und Bildungspro- zesse genutzt werden (zum Überblick Giebeler et al. 2007; Hölzle / Jansen 2009). Sozialpädagog(inn)en sind dabei nicht nur „neu- trale“ Beobachter biographischer Prozesse, sondern sind an der Konstruktion von Biographien betei- ligt. Professionelle Interventionen wie die Ent- scheidung für eine erzieherische Maßnahme, insti- tutionelleVorgaben, an denen sich die Adressat(inn) en orientieren müssen, und Deutungsmuster, die von ihnen übernommen werden, greifen massiv in die Biographieverläufe ein. Institutionell etablierte Verfahren wie Hilfeplangespräche und Fallanam- nesen werden dabei zu modernen Formen von „Biographiegeneratoren“ (Hahn 1988), die Orte und Gelegenheiten für biographische Thematisie- rungen eröffnen und dabei zugleich die Biogra- phien der Adressat(inn)en mitstrukturieren. Dabei können biographische Ressourcen mobilisiert und Bildungsprozesse angeregt werden. Aufgrund eige- ner Fehlertendenzen und Ausblendungen sowie auch organisatorischer und administrativer Be- grenzungen kann die Soziale Arbeit aber auch zur Kolonialisierung von Lebenswelten beitragen und Prozesse der Fremdbestimmung wie Verlaufskurven auslösen oder forcieren. Im Bereich der Forschung hat sich mittlerweile eine ausdifferenzierte „Landschaft“ biographischer Forschung herausgebildet, in der die Biographien von Adressat(inn)en sowie Berufsbiographien und individuelle Professionalisierungsprozesse anhand von Lebensgeschichten oder Ausschnitten daraus untersucht werden. Für den Bereich der Sozialen Arbeit lassen sich dabei zwei Forschungsschwer- punkte identifizieren: eine adressatenbezogene Forschung sowie eine professionsbezogene For- schung, in denen mit biographischen Methoden sozialpädagogisch relevante Phänomene untersucht werden. Biographie ist zu einer zentralen Kategorie inWissen- schaft und Praxis der Sozialen Arbeit geworden. In dem vorliegenden Beitrag wird es zunächst um eine Annäherung an den Biographie-Begriff gehen. Dies erfolgt unter Rückgriff auf die Konzepte, die in der erziehungswissenschaftlichen und in der soziologi- Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art020, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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