Handbuch 5. Auflage
Biographie 243 schen Debatte entwickelt worden sind. Bei den anschließenden Ausführungen zur biographischen Forschung und zu Ansätzen biographischer Arbeit stehen die Entwicklungen in der Sozialen Arbeit im Zentrum. Biographie als wissenschaftliches Konzept Biographie hat in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen Eingang gefunden und ist ein mehr- deutiger Begriff (Klein 2009). In der soziologischen Debatte wird die soziale Konstruiertheit der Biogra- phie betont. Biographie ist demnach ein soziales Konstrukt, das durch seine Einbindung in sozial- weltliche Bezüge geprägt wird (Fischer /Kohli 1987). Jede Biographie ist eine individuelle und einzigartige Geschichte. Zugleich wird sie aber durch kollektiv-historische Ereignisse, gesellschaft- liche Vorgaben und soziokulturelle Traditionen strukturiert. Darüber hinaus orientiert sich auch die autobiographische Darstellung an gesellschaftli- che Vorgaben und Formtraditionen, die als „Folien“ dafür dienen, wie Biographie zu präsentieren ist. „Wären es die Menschen nicht gewohnt, aus Le- bensgeschichte zu erzählen, hätten sie nicht schon autobiographische Texte gelesen, wüssten sie nicht, wie man im Sinnhorizont der Biographie denkt, spricht und handelt, ginge biographische For- schung ins Leere“ (Fuchs-Heinritz 2005, 13). Mit autobiographischen Präsentationen wird Identität hervorgebracht und stellt sich eine Person, Gruppe oder Familie als etwas Besonderes dar. Die soziale Konstruiertheit von Biographie verweist zugleich darauf, dass darin auch Allgemeines wie institutio- nelle Vorgaben, kollektive Orientierungsmuster, Regeln zur Gestaltung von Interaktionen und Skripte für die Präsentation von Autobiographi- schem enthalten und rekonstruierbar sind. Biographie ist nicht das gelebte Leben, sondern eine Geschichte , in der der / die Biographieträger(in) Ereignisse und Erfahrungen in eine Ordnung bringt und dabei Biographie „herstellt“. Diese Dif- ferenz zwischen Biographie und Lebenslauf ist un- bedingt zu beachten. Der Lebenslauf umfasst die Gesamtheit an Ereignissen, Erfahrungen, sozialen und biologischen Prozessen, die ein Leben aus- machen. Diese Gesamtheit ist allerdings nicht dar- stellbar und kann auch nicht Gegenstand von Forschung sein. „Der Lebenslauf ist uns nur über die Fiktion biographischer Repräsentation als Wirklichkeit zugänglich“ (Hahn 1988, 94). Bio- graphie ist immer eine selektive Vergegenwärtigung von einzelnen Ereignissen, Erlebnissen und Erfah- rungen, die zu einer Geschichte oder einem Bild geordnet werden. Bei der Konstruktion dieser Ge- schichte orientieren sich die Biographieträger al- lerdings an ausgewählten Erlebnissen und Erfah- rungen aus dem Lebensverlauf. Die dabei entstehende Gestalt ist nichts Feststehendes, son- dern verändert sich im Verlauf des Lebens und ist von den Situationen abhängig, in denen biogra- phisch kommuniziert wird. Das Biographie-Kon- zept verweist immer auch auf das Element von Emergenz. In biographischen Präsentationen wird Neues hervorgebracht, indem individuelle Erleb- nisse und Erfahrungen von dem jeweiligen Bio- graphieträger zu einer eigenen biographischen Ge- stalt zusammengeführt werden. Solche Momente von Emergenz werden von den Individuen hervor- gebracht, können aber auch von außen angeregt oder im Fall von dramatischen Ereignissen wie Un- fällen, Krankheiten oder Flucht, aufgezwungen werden (Schulze 2006, 47). Die erziehungswissenschaftliche Debatte orientiert sich an einem Verständnis von Biographie als Lern- und Bildungsgeschichte . Autobiographien sind dem- nach „Geschichten von Lernprozessen“, die Aus- kunft über wichtige Bildungserfahrungen der Individuen geben und die darüber hinaus eine Form der „Selbstbildung“ darstellen, indem Ereig- nisse und Erfahrungen des Lernens unter einem biographischen Blickwinkel bewertet und zusam- mengeführt werden (Henningsen 1981, 7). Schulze versteht Biographie als eine anthropologi- sche Grundgegebenheit, nach der jeder Mensch eine Lebensgeschichte lebt und diese auch erzählen kann. Der Lebensverlauf folgt dabei nicht einfach einer inneren Gesetzlichkeit oder Bestimmung und wird auch nicht durch soziale Strukturen determi- niert. „Alles dies – genetisch verankerte Anlagen, biologisch be- dingte Entwicklungsstadien, Wachstumskrisen und Alte- rungsprozesse, gesellschaftliche Vorgaben, Regeln, Be- schränkungen und Institutionen, unvorhersehbare Zufälle, Einbrüche und Verhängnisse – spielt eine Rolle. Aber das Individuum muss sich dies alles lernend zu eigen machen, muss es in ein zu lebendes Leben und endlich in eine
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