Handbuch 5. Auflage
251 Care – Sorgen als sozialpolitische Aufgabe und als soziale Praxis Von Margrit Brückner Problemaufriss Die aktuelle Auseinandersetzung mit gesellschaft- lich notwendiger Sorgetätigkeit zielt auf zwei mit- einander verbundene Aufgabestellungen: Erstens eine gerechtere Verteilung der „ganzen Arbeit“ (Nickel 2008, 185), d. h. der Erwerbs- und der Familienarbeit und zweitens die Einbeziehung al- ler Sorgeleistenden und Sorgeempfangenden in das Konzept der Staatsbürgerschaft, d. h. der Ge- währleistung von sozialen Rechten und Partizipa- tionsmöglichkeiten. Brisant sind diese Aufgaben aufgrund des derzeitigen Umbaus der Wohlfahrts- staaten und des Wandels der Geschlechter- und Generationenverhältnisse, die europaweit zu Um- strukturierungen sozialer Sicherungssysteme und professioneller sowie privater Modi des Sorgens geführt haben. Der tendenzielle Rückzug der Wohlfahrtsstaaten aus sozialer Verantwortung und die verstärkte Einbeziehung von Frauen in den Arbeitsmarkt sowie der wachsende Anteil al- ter Menschen in der Bevölkerung bewirken – je nach nationaler sozialstaatlicher Tradition – un- terschiedlich große Care-Defizite sowie alte und neue Ungerechtigkeiten (Leitner 2007). Diese Entwicklung fand bis zum derzeit aktuellen Dis- kurs über Demografiefragen weder in der Politik noch in der Wissenschaft ausreichende Beach- tung, da der Care-Bereich und Care-Tätigkeiten als eher unwichtig für die vorrangige, öffentliche Sphäre galten und auch jetzt eher als Folgepro- blem sichtbar werden (Glenn 2000). Care als tra- ditionell weibliche Aufgabe wird weiterhin primär der nachrangigen privaten Sphäre – selbst in ihrer verberuflichten Form – zugeordnet. Die damit verbundene mangelnde Anerkennung von Care trifft auch Männer, wenn sie Sorgetätigkeiten jen- seits hegemonialer Männlichkeitsvorstellungen übernehmen (Connell 2002). Entwicklungsstränge der internationalen Care-Debatte Seit den 1980er Jahren findet eine internationale Care-Debatte statt, die sich aus unterschiedlichen disziplinären Strängen zusammensetzt und deren Gemeinsamkeit darin besteht, die Anerkennung von Care als öffentliche, gesamtgesellschaftliche Aufgabe einzufordern. Der vielschichtige englische Begriff Care wurde im Deutschen zunächst mit „Fürsorge und Pflege“ übersetzt, was inhaltlich recht gut trifft, aber angesichts des historischen Missbrauchs der Be- griffe im Nationalsozialismus und ihrer autoritären Verwendungen bis in die 1970er Jahre hinein heute eher vermieden wird (Schnabl 2005). Jetzt steht der Begriff „Sorgen“ im Vordergrund, womit die pri- vaten Formen der Fürsorglichkeit und der Aspekt der Selbstsorge besser einzufangen sind. Denn Care kommt eine Vielfalt semantischer Bedeutungen zu: „caring about“ meint die emotionale, „taking care of“ die aktiv tätige Seite des Sorgens und „take care of yourself“ steht für die Zusammengehörigkeit von Sorge für andere und Selbstsorge. Care umfasst den gesamten Bereich familialer und institutionalisierter pflegender, erziehender und be- treuender Sorgetätigkeiten im Lebenszyklus (Kinder, pflegebedürftige und alte Menschen) sowie per- sonenbezogener Hilfen in besonderen Lebenslagen (von Arbeitslosigkeit über häusliche Gewalt bis Wohnungslosigkeit), wobei je nach Fokus mal der eine, mal der andere Aspekt betont wird. Folgende, wenig aufeinander bezogene Wissen- schaftsbereiche sind für die Care-Debatte relevant: Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art021, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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