Handbuch 5. Auflage

252 Brückner  Demokratietheorie / Ethik, ■ ■ Sozialpolitik /Arbeitswissenschaften, ■ ■ Handlungstheorien – häufig pflegewissenschaft- ■ ■ lich, öfters soziologisch, selten sozialarbeiterisch orientiert. Angestoßen wurde die Debatte von amerikanischen Wissenschaftlerinnen mit einer demokratietheore- tisch ausgerichteten Kritik an der Kategorie Ab- hängigkeit im Zusammenhang mit Care (z. B. Fraser 1994), von Skandinavierinnen in einer sozi- alpolitischen Tradition mit Fokus auf den sozialen Dienstleistungssektor und die Situation erwerbs- tätiger sorgender Frauen (z. B. Leira 1992), von Engländerinnen bezogen auf das zugrunde liegende Verständnis von Arbeit und die Tradition unbe- zahlter Frauenarbeit im Sorgebereich (z. B. Lewis 2000), von Wissenschaftlerinnen aus verschiede- nen Ländern in Hinblick auf Care als Tätigkeit, die nicht im Kontext des Vernünftigen und Erlern- baren angesiedelt, sondern entweder neuerdings technizistisch verkürzt (z. B. Waerness 2000) oder traditionell wesenhaft Frauen zugeordnet wird (z. B. Ostner 1992). Zentral sind zudem die Ar- beiten der amerikanischen Soziologin Arlie Hoch- schild (1995; 2001) mit ihrem kritischen Blick auf die globalen Wirkungen derzeitiger Care-Politiken und ihren gesellschaftspolitischen Forderungen nach neuen Care-Modellen, in denen die Vielfalt der Wünsche von Sorgenden und Umsorgten ge- schlechterübergreifend ernst genommen werden (genauere Ausführungen zur Entwicklung der Care-Debatte siehe Brückner 2001). Zur Kennzeichnung der Spannungsfelder, die Care bis heute charakterisieren, lassen sich drei mit- einander verwobene Begriffspaare anführen: pri- vat – öffentlich, bezahlt – unbezahlt, politisch – so- zial. Das Spannungsverhältnis zwischen der öffentlichen und der privaten Sphäre kennzeichnet trotz aller Entgrenzungen weiterhin die Gesell- schaft und hat der internationalen Neuen Frauen- bewegung in den 1970er Jahren ihre Sprengkraft verliehen, indem diese das Private zum Politikum erhob und damit sowohl von Frauen geleistete Hausarbeit als auch das Recht auf ihre reprodukti- ven Fähigkeiten („mein Bauch gehört mir“) zum Thema machte (Gerhard 1997). Im zweiten Span- nungsverhältnis zwischen bezahlter und unbezahl- ter Arbeit schwingen folgende Fragen mit: Ist Sor- gen überhaupt als Arbeit verstehbar oder bedeutet es vielmehr eine viel weiter gefasste zwischen- menschliche Beziehung (Sevenhuijsen 1998)? Wel- che Bereiche des Sorgens sind als bezahlte Tätigkeit mit welchen Folgen vorstellbar und welcher Quali- fikationen und Bezahlungen bedarf es dafür? Hin- ter dem dritten Begriffspaar (politisch – sozial) ver- birgt sich die Frage, ob Care eine soziale oder eine politische Frage oder vielmehr beides zugleich ist. Die alleinige Zuordnung zum sozialen Bereich, wenn dieser nicht als politisch bedeutsam verstan- den wird, enthält die Gefahr, Fragen der Gerech- tigkeit und der Geschlechterdemokratie bezogen auf Care fallenzulassen und der sozialen Praxis des Sorgens ihre eigenständige gesellschaftliche Bedeu- tung abzusprechen (Fraser 2001). Zusammenfassend zeigt die Entwicklung der viel- fältigen Diskursstränge, dass Care zu einer wichti- gen analytischen Kategorie von Wohlfahrtsstaaten geworden ist, denn die jeweilige Form, die Care annimmt, hängt von der Aufteilung in arbeits- marktbezogene respektive informelle Tätigkeiten ab, vom Verhältnis von Transferzahlungen zu Sach- leistungen und von der Art der Einbettung in die Sektoren Staat, Markt, Familie, Zivilgesellschaft (Daly / Lewis 2000). Die jeweils hervorgebrachten gesellschaftlichen Care-Muster beruhen auf einem moralisch abgesicherten, normativen System von Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten, das auf der Mikroebene die Beziehungsgestaltungen zwi- schen Geschlechtern und Generationen formt und auf der Makroebene Zuständigkeiten definiert. Care als demokratietheoretische Aufgabenstellung Die universelle Tatsache menschlicher Abhängig- keit, Verletzlichkeit und Endlichkeit bedeutet, dass alle Menschen am Anfang, viele zwischen- zeitlich und sehr viele am Ende ihres Lebens sor- gebedürftig sind (Nussbaum 2003). Ebenso uni- versell haben alle Menschen die grundsätzliche Fähigkeit zur Fürsorglichkeit und kommen somit als Sorgende infrage. Diese philosophisch-ethische Annahme einer grundlegenden zwischenmensch- lichen Interdependenz steht dem vorherrschenden Ideal der Autonomie entgegen und ist daher nega- tiv besetzt. Historisch gesehen bedeutet Auto- nomie die – zunächst Männern vorbehaltene und teils heute noch für Frauen erschwerte – Durch-

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