Handbuch 5. Auflage
281 Diagnostik in der Sozialen Arbeit Von Maja Heiner Einführung Seit mehr als zehn Jahren wird in der Sozialen Ar- beit wieder kontinuierlich über Diagnostik dis- kutiert. Neben zahlreichen theoretischen Publika- tionen sind auch in der Praxis erprobte und teilweise empirisch validierte Diagnoseinstru- mente publiziert worden. Dennoch ist ein fachli- cher Konsens bis heute nicht erreicht worden, selbst die Verwendung der Begriffe Diagnose und Diagnostik bleibt weiterhin umstritten. Dies ist zunächst auch nicht verwunderlich, da Diagnos- tik als systematische Informationsverarbeitung im Dienste beruflicher Entscheidungsfindung eine der zentralen Handlungskompetenzen darstellt, die eine Klärung grundlegender professions- und handlungstheoretischer Positionen und auch er- kenntnistheoretischer Fragen voraussetzt. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als die Frage: Was kann ich und was muss ich wie zuverlässig wissen, um Aussagen machen zu können, die es mir erlauben, kompetent und zielführend, also effektiv und effizient zu handeln? Entsprechend müsste eine Diagnostik Professionstheorie, Hand- lungstheorie und Erkenntnistheorie gegenstands- bezogen vereinen. Diagnostische Klassifikationssys- teme dienen auch der diagnostischen Begründung für die Zuweisung von bestimmten, staatlich finan- zierten ärztlichen, pflegerischen oder betreuerischen etc. Leistungen. Diagnosen sind also oftmals zu- gleich Steuerungsverfahren, deren Entwicklung auch aus diesen Gründen finanziert und deren Anwendung politisch durchgesetzt wurde (z. B. beim ICD-10). Ebenso wie alle anderen Dimen- sionen der Professionsentwicklung tangieren Fra- gen der Diagnostik insofern Machtfragen – im Verhältnis von Profession, Politik und Gesell- schaft ebenso wie im Verhältnis von Fachkräften und KlientInnen. Gesichtspunkte der Ökonomie sind dementsprechend mitzudenken, auch wenn dies im folgenden Beitrag nur angedeutet werden kann. Die zehnjährige Fachdiskussion um Diagnostik in- nerhalb der Sozialen Arbeit hat sich von Anfang an auf zwei Ansätze konzentriert, die als einander aus- schließende Optionen angesehen wurden: den re- konstruktiven Ansatz und den klassifikatorischen An- satz . Die mit diesen Modellen verbundenen Herangehensweisen sind auch noch mit anderen Termini gekennzeichnet worden: hermeneutisch versus erkenntnislogisch, sich verständigen und aushandeln versus einstufen und zuweisen, einfüh- lend verstehen versus begrifflich subsumieren. Die Vertreter des klassifikatorischen Ansatzes plädieren für eine möglichst zuverlässige Informationsverar- beitung mittels standardisierter Erhebungs- und Auswertungsinstrumente. Die VertreterInnen des rekonstruktiven Ansatzes dagegen betonen die Notwendigkeit einer flexiblen, situations- und in- teraktionsabhängigen Informationssammlung auf der Grundlage einer Meinungsbildung im Dialog, um den subjektiven, oft biografisch verankerten Hintergrund aktueller Verhaltensmuster nachvoll- ziehen zu können. Der mit einer polarisierenden Diskussion dieser beiden Ansätze verbundene Still- stand der Diskussion, die sich weitgehend wieder- holend im Kreise dreht, ist schon vor einigen Jahren erkannt worden (Krumenacker 2004, 8) – zunächst ohne Konsequenzen. Angesichts einer Reihe schwerer Misshandlungen und Vernachlässigungen von Kleinkindern, die teilweise zum Tode führten, haben sich die Erwar- tungen an Diagnostik zumindest in der Jugendhilfe in den letzten Jahren stark verändert. Die Grenzen von Aushandlung, Verständigung und hoffendem Abwarten wurden ebenso deutlich wie der Bedarf an Kriterien, um Risiken einschätzen zu kön- nen – trotz verbleibender Unwägbarkeiten. Die Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art025, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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