Handbuch 5. Auflage

282 Heiner  neuere Diskussion in der Jugendhilfe ist von daher weniger polarisierend angelegt. Eine mögliche Zwischenposition deutet sich auch insofern an, als die Notwendigkeit eines „systematischen“ Vor- gehens in Abgrenzung zum kreativen Ausprobieren auch von langjährigen und dezidierten Gegnern einer klassifikatorischen Diagnostik seit einiger Zeit stärker betont wird (Merchel 2005, 23; Schrapper 2008, 81). Ein „verantwortungsvolles“ und „transparentes“ Vorgehen, das auf einer „stren- gen“ Prüfung der einzusetzenden Verfahren beruht, die „reflexiv“ zu validieren sind, wird auch von Befürwortern nur leicht strukturierender Verfahren zunehmend angemahnt (Schrapper 2003, 45; Pantuček 2009a, Kap. 6.6 bis 6.9). Damit wird den Fachkräften mehr abverlangt als nur „Dialogfähig- keit“ und „Aushandlungsbereitschaft“. Weitgehend offen bleibt dabei allerdings zumeist, was unter „systematisch“ oder „streng“ zu verstehen ist und mit welchen Verfahren „Transparenz“ gewährleistet werden soll. Auch welches „Wissen“ wie erhoben werden muss, welche Informationen in einem be- stimmten Handlungskontext unverzichtbar sind und nach welchen Kriterien „Reflexivität“ als Kor- rektiv selektiver Wahrnehmungen und voreinge- nommener Schlussfolgerungen so wirksam werden kann, dass die Fachkräfte der Sozialen Arbeit zu- verlässig ihrer Verantwortung gerecht werden kön- nen, ist noch weitgehend unklar (vgl. aber Possehl 2009; Kindler et al. 2006; Kindler 2005; zu orga- nisationsbezogenen Voraussetzungen Merchel 2008). Indem sich der Diskurs differenziert, deu- ten sich Möglichkeiten an, die blockierende Polari- sierung zwischen Anhängern der rekonstruktiven und der klassifikatorischen Verfahren zu überwin- den, z. B. indem unterschiedliche Funktionen und Interventionskontexte diagnostischer Urteile stär- ker berücksichtigt werden. Begriffsklärung: Diagnostik und Fallverstehen Begriffe dienen der Verständigung ebenso wie der Markierung von Positionen, sie vermitteln Ein- stellungen und prägen Haltungen, indem sie ein bestimmtes Verständnis sprachlich fassen und konturieren. Da „Diagnostik“ naturwissenschaft- lich-medizinische Assoziationen weckt, ist bis heute in der Sozialen Arbeit umstritten, ob man den Begriff der „Diagnostik“ überhaupt verwen- den soll und nicht andere Begriffe wie „Fallver- stehen“ angemessener wären. „Diagnostizieren“ bedeutet dem griechischenWort- sinn nach (griech. diagnosis) erkennen, unterschei- den und damit auch verstehen. „Diagnostik“, als Theorie und Lehre des Diagnostizierens, zielt da- rauf ab, durch systematische Informationsverarbei- tung Entscheidungen begründet zu fällen und in- sofern Handlungen gut vorzubereiten. Diagnosen können sich auf Zustände (Statusdiagnostik) oder Entwicklungen (Prozessdiagnostik) und dabei auf Einzelpersonen oder Gruppen, Organisationen oder territoriale Gemeinwesen beziehen. Der Be- griff der Diagnostik hat sich damit in der Sozialen Arbeit von einem engeren, ausschließlich per- sonenbezogenen Verständnis wie es in der Medizin noch immer üblich ist und in der Psychologie län- gere Zeit üblich war, gelöst. Er dient der Kenn- zeichnung eines Ansatzes, bei dem auch prägende Faktoren im Umfeld der diagnostizierten Person einbezogen werden (Heiner 2004; Pauls 2005). Damit rücken zugleich die Konsequenzen, die sich aus der Nutzung von Diagnosen in unterschiedli- chen institutionellen Kontexten und im Rahmen bestimmter Entscheidungsprozesse ergeben, stärker ins Bewusstsein. Der Begriff „Diagnostik“ bezeichnet sowohl den Prozess der Informationsverarbeitung und Er- kenntnisgewinnung als auch die Lehre von der Ge- staltung dieses Prozesses. Der Prozess umfasst zwei Elemente: die Informationssammlung und die Infor- mationsauswertung . Beide müssen bei Professionen wie der Sozialen Arbeit begründet und nachvoll- ziehbar und damit nachprüfbar sein und auf der Basis des vorhandenen wissenschaftlichen Wissens erfolgen. Diagnosen dienen der Optimierung von Entschei- dungen. Wird ihre Verwendung in den entspre- chenden Handlungskontexten mitreflektiert, so nähern sich diagnostische Theorien, Problemlö- sungstheorien und Theorien zum methodischen Handeln einander an. Für die Soziale Arbeit bietet ein erweiterter, nicht nur auf (Einzel)Personen be- zogener Diagnostikbegriff die Möglichkeit, territo- riale Gemeinwesen (Quartiere, Stadtteile, Siedlun- gen etc.) und auch Organisationen als Gegenstände diagnostischer Analysen mit einzubeziehen und entspricht damit der sozialökologischen und sozi- alräumlichen Ausrichtung methodischen Handelns

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