Handbuch 5. Auflage

Diagnostik in der Sozialen Arbeit 291 steht die informationsanalytische Überprüfung der Informationsqualität, z. B. hinsichtlich der Einhal- tung wissenschaftlicher Standards, aber auch for- schungsethischer und berufsethischer Prinzipien bei der Exploration fremder Lebenswelten. Ein wichtiger Gegenstand bei der Reflexion der ei- genen Wahrnehmungs- und Urteilsprozesse stellt die Beziehung zwischen Fachkraft und KlientIn dar. Sie kann auf beiden Seiten zu gravierenden Fehlinterpretationen von Beobachtungen beitra- gen. Zugleich kann die Wahrnehmung von Über- tragungen und Gegenübertragungen auch wichtige diagnostische Informationen liefern (auch Schrap- per /Thiesmeier 2004). Die Vorgehensweise bei der Begründung der diag- nostischen Einschätzungen ist eine falsifikatorische , d. h. zur zentralen These der Diagnose sollen mög- lichst viele Informationen und Argumente gesam- melt werden, die geeignet sein könnten, das Ge- genteil der aktuellen Problemsicht zu belegen, sie also zu falsifizieren oder / und eine höhere Zuver- lässigkeit und Gültigkeit der Ergebnisse zu gewähr- leisten. Die Suche soll dabei vor allem von den Deutungsmustern gelenkt werden, die die Klien- tInnen bevorzugen und mit denen sie im Gegen- satz zur Position der SozialarbeiterInnen stehen. Diese Qualifizierung der Gegenargumente der KlientInnen ist ein zentrales Anliegen des partizi- pativen diagnostischen Fallverstehens. Die Zuverlässigkeit und Gültigkeit diagnostischer Urteile lässt sich auch durch kommunikative Vali- dierung, durch Rückmeldung von KollegInnen erhöhen (Ader 2004). Einschätzungen des glei- chen Falles durch Fachkräfte variieren allerdings erheblich (Münder et al. 2000) und empirische Untersuchungen zeigen schon seit Jahren, dass Gutachten, Berichte und Beschlussvorlagen der Sozialen Arbeit von den erörterten Qualitätskrite- rien nicht selten weit entfernt sind (BMFSFJ 1998; Urban 2004; Ader 2006). Kommunikative Validierung alleine garantiert keine zuverlässigen Ergebnisse. Bestimmte institutionelle Routinen und Traditionen und nicht zuletzt der Gruppen- druck in bestimmten Situationen können bei kollegialen Beratungen sogar zu erheblichen Ver- zerrungen der Wahrnehmungen und Beeinträch- tigungen der Urteilskraft führen (Kindler 2005, 544). Vorhandenes wissenschaftliches Wissen bie- tet hier ebenso ein Korrektiv wie die Nutzung wissenschaftlicher Verfahren der systematischen Informationsverarbeitung. Erfahrungsbasiertes und wissenschaftsbasiertes Wissen müssen sich dabei ergänzen. Ausblick Für die künftige Entwicklung der Sozialen Arbeit als Disziplin dürfte die Erarbeitung einer Theorie des diagnostischen Fallverstehens mit entsprechenden Fachbegriffen, Fragestellungen, methodischen Stan- dards und vor allem darauf aufbauenden For- schungstraditionen entscheidend sein, um die Ent- wicklung der Profession zu unterstützen. Mit einer einheitlichen Ausrichtung der Diagnostik inTheorie und Praxis ist auch dann nicht zu rechnen. Zu viel- fältig sind die wissenschaftlichen, fachlichen und (fach)politischen Positionen, die Verwendungskon- texte und Anforderungen. Die sich andeutende Ent- wicklung einer integrativen Diagnostik, bei der re- konstruktive und klassifikatorische Verfahren von unterschiedlichem Standardisierungs- und Differen- zierungsgrad funktionsspezifisch kombiniert und reflexiv genutzt werden, würde es aber zumindest erlauben, die unterschiedlichen Anforderungen all- mählich genauer zu erfassen und eine wildwüchsige Ausdifferenzierung oder eine politisch bzw. adminis- trativ gesetzte Vereinheitlichung durch externe Vor- gaben zur Dokumentation und Beurteilung von Fallentwicklungen zu vermeiden. Auf zentrale Le- benslagen und basale Bewältigungskompetenzen bezogene, standardisierte und teilweise getestete klassifikatorische Verfahren könnten dabei die re- konstruktiven, kasuistisch und idiografisch aus- gerichteten Ansätze sehr gut ergänzen, zusammen zur Transparenz und Nachprüfbarkeit von Entschei- dungen beitragen und so die Wirkungsorientierung (Otto 2007) methodischen Handelns in der Sozia- len Arbeit unterstützen.

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