Handbuch 5. Auflage
290 Heiner Kinderschutzbogen (Strobel et al. 2008) und das PREDI (Küfner et al. 2006)). Die Nutzung un- standardisierter, ungetester Verfahren ist aber nicht nur eine Verlegenheitslösung. Sich auf Ungefähr- einschätzungen zu verlassen, wenn für die Beant- wortung von Teilfragestellungen reliable, objektive und valide Erhebungsinstrumente vorhanden sind, ist ein Kunstfehler. Aber ebenso „ist es ein Kunst- fehler, […] formell erhobene Befunde nicht auf der Folie der übrigen informell erhobenen explorativen Daten zu interpretieren.“ (Aebi et al. 2003, 19). Diese explorativen Daten können im Einzelfall konkretere, auf die einzelnen Beteiligten und die aktuellen Kooperationsbedingungen bezogene In- formationen berücksichtigen, die in unterschied- lichsten Situationen gewonnen wurden und inso- fern zu weitaus differenzierteren und präziseren Einschätzungen beitragen als standardisierte und getestete Verfahren – wenn sie zugleich die zentra- len Ergebnisse der empirischen Forschung bei der Exploration berücksichtigen. Neben den wissenschaftlichen Kriterien der Infor- mationsverarbeitung sind fachliche Kriterien lebens- weltorientierten professionellen Handelns zu be- rücksichtigen (Thiersch 2009; Grunwald/Thiersch 2008). Sie lassen sich in vier Dimensionen aufteilen: 1. partizipative, 2. sozialökologische, 3. mehrper- spektivische und 4. reflexive Orientierung. Sie ent- sprechen zugleich den grundlegenden Standards und Prinzipien methodischen Handelns. Die partizipative Orientierung schlägt sich in einer als dialogisch, aushandlungsorientiert und betei- ligungsfördernd gekennzeichneten Vorgehensweise nieder. Divergierende Ansichten (z. B. der Klien- tInnen, aber auch von Kooperationspartnern und Kollegen) werden nicht nur toleriert und offen an- gesprochen. Sie stellen zugleich einen Anlass dar, (zusätzliche) Informationen einzuholen, um alter- native Wahrnehmungen und Interpretationen zu Abb. 1: Standards diagnostischen Fallverstehens (1) Partizipative Orientierung − dialogisch − aushandlungsorientiert − beteiligungsfördernd (3) Mehrperspektivische Orientierung − konstruktivistisch − multidimensional − historisch/biographisch (2) Sozialökologische Orientierung − interaktionsbezogen − umfeldbezogen − infrastrukturbezogen (4) Reflexive Orientierung − rekursiv − informationsanalytisch − beziehungsanalytisch − falsifikatorisch fördern, die in einem dialogischen Klima gemein- sam gedeutet und gewichtet werden. Formale Ver- einbarungen können dabei die Beteiligung der KlientInnen an der Meinungsbildung zusätzlich sichern (z. B. das Protokollieren ihrer zustimmen- den oder abweichenden Ansichten). Die sozialökologische Orientierung umfasst drei Dimensionen: Sie ist interaktionsbezogen, umfeld- bezogen und infrastrukturbezogen. Die interakti- onsbezogene Analyse soll dazu beitragen, dass die Probleme der KlientInnen auch als situations- abhängige Ereignisse wechselseitiger Beeinflussung im Interaktionsprozess begriffen und untersucht werden, und nicht nur oder primär den KlientIn- nen als transsituativ stabile Eigenschaften und Per- sönlichkeitsmerkmale zugeschrieben werden. Die sozialökologische Ausrichtung des diagnostischen Fallverstehens verlangt dabei eine über die Ebene der familialen Systeme hinausgehende, umfeld- bezogene Untersuchung des Klientensystems (Nachbarschaft, Kollegenkreis, Freunde etc.) und eine Analyse der Funktionsfähigkeit des beteiligten Leistungssystems, d. h. der regionalen Infrastruktur (z. B. des Gesundheitswesens, des Bildungswesens, des Wohnungswesens). Die Institution der Diag- nostikerin, ihre eigenen Ressourcen, ihre Kom- petenz und ihr jeweiliges Vorgehen sind dabei Teil des zu analysierenden Leistungssystems. Die mehrperspektivische Orientierung umfasst eben- falls drei Elemente: Sie ist konstruktivistisch, multi- dimensional und historisch-biografisch ausgerichtet. Sie zielt auf eine möglichst komplexe Abbildung des Problems aus der Sicht der verschiedenen Beteilig- ten. Von einer sozial-konstruktivistischen Erkennt- nistheorie ausgehend soll dies eine multidimensio- nale Analyse der aktuellen Probleme ermöglichen. Dazu bedarf es einer theoretisch begründeten Vor- stellung von den zentralen Problemdimensionen und -bedingungen auf den verschiedenen Ebenen (Heiner 2010, 492ff.). Die reflexive Orientierung des diagnostischen Fall- verstehens umfasst vier Elemente: Sie ist rekursiv, informationsanalytisch, beziehungsanalytisch und falsifikatorisch angelegt. Die reflexive Orientierung dient der Überprüfung der Diagnose in einem re- kursiven Prozess, bei dem bereits durchlaufene Ar- beitsschritte mehrfach wiederholt werden können, wenn neue Einsichten eine Korrektur früherer Hy- pothesen oder eine Ergänzung der Einschätzung erfordern. Im Zentrum des Reflexionsprozesses
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