Handbuch 5. Auflage
300 Steinbacher Vor diesem Hintergrund erscheint es sinnvoll, dass sich die Soziale Arbeit ausführlicher, inhaltlich differenzierter und reflektierter mit Didaktik be- fasst. Die Notwendigkeit einer solchen Beschäfti- gung mit Didaktik soll im Folgenden mit Benners (2010) Gegenüberstellung von Schulpädagogik und Sozialpädagogik begründet werden: Jede pro- fessionsbezogene Teildisziplin der Erziehungswis- senschaft muss „eine adressatenbezogene Didaktik und eine bereichs- spezifische Gesellschaftspädagogik entwickeln, welche die Interaktion mit der jeweiligen Klientel an der zweifa- chen Aufgabenstellung ausrichten, Welterfahrung und zwischenmenschlichen Umgang durch unterrichtliche Unterweisung und Aufklärung zu erweitern und Über- gänge aus pädagogischen Situationen in gesellschaftliche Handlungsfelder zu gestalten. […] So kann beispielsweise die Sozialpädagogik ihre pädagogischen Aufgaben nur angemessen erfüllen und reflektieren, wenn sie nicht nur eine spezielle Gesellschaftspädagogik, sondern zugleich eine auf ihre Klientel zugeschnittene Didaktik entwickelt. Diese muss klären, durch welche Formen einer unterricht- lichenAufklärung über die Kontexte und Ursachen sozialer Hilfsbedürftigkeit die Erfahrung und der Umgang derjeni- gen, die sozialpädagogischer Hilfe und Unterstützung bedürfen, in Richtung auf ein Selbst-Denken und Urteilen erweitert werden können“ (319; Hervorhebung E. S.). Auch die Schulpädagogik darf nicht als reine Didak- tik konzipiert werden, sondern muss zugleich eigene gesellschaftspädagogische Problemstellungen und Praktiken entwickeln, die es ermöglichen, „dass das im Unterricht vermittelte Wissen auch im Handeln aufklärende Wirkungen zeitigen und über eine von den Lernenden selbst verantwortete Wahl zwischen verschiedenen Handlungsmöglichkeiten praktisch werden kann“ (319). Wenn Schulpädagogik und Sozialpädagogik also nicht nur die Problemverkür- zungen der jeweils anderen Teildisziplin kritisierten, sondern die Schulpädagogik neben ihrem didakti- schen auch ein gesellschaftspädagogisches und die Sozialpädagogik neben ihrem gesellschaftspädagogi- schen auch ein didaktisches Theorie- und Hand- lungsrepertoire entwickelten, ließe sich nicht nur die Kooperation zwischen Schul- und Sozialpädagogik weiterentwickeln, sondern könnten beide Diszipli- nen auch voneinander lernen. Insofern treffen sich Soziale Arbeit und Schulpädagogik in ihrer didak- tisch-methodischen Vorgehensweise. Alle professi- onsspezifischen Teildisziplinen der Erziehungswis- senschaft benötigen demzufolge didaktische und gesellschaftspädagogische Konzepte, „in denen die Wirkungsmöglichkeiten und Aufgaben einer unter- richtlichen Aufklärung der jeweiligen Klientel mit Problemstellungen einer intergenerationellen Über- führung der pädagogischen Praxis in die ausdifferen- zierten Formen der menschlichen Gesamtpraxis ab- gestimmt sind“ (319). Soziale Arbeit braucht die Auseinandersetzung mit der Didaktik und muss ein eigenes Verständnis und eine eigene Haltung dazu entwickeln, darf Didaktik also nicht nur negieren, denn nur so kann sie sich mit der Schulpädagogik und deren didakti- schen Haltungen fundierter auseinandersetzen. Es geht keineswegs darum, dass sich Soziale Arbeit dem didaktischen Denken und Handeln der Schulpädagogik anzupassen und unterzuordnen hat, sondern dass sie vielmehr ihre eigenen didakti- schen Zugänge als solche kenntlich macht, ohne dem Didaktikbegriff auszuweichen. Wenn Fach- kräfte der Sozialen Arbeit in solchen Arbeitsfeldern, in denen sie mit Schule kooperieren (z. B. Schulso- zialarbeit, Soziale Gruppenarbeit, Tagesgruppen, Wohngruppen und offene Jugendarbeit) sozialpäd agogische didaktische Positionen und ein sozialpäd agogisches Verständnis von Lernen selbstbewusst vertreten können, kann dies für die Kooperation von Sozialer Arbeit und Schule sehr förderlich sein. Didaktisches Handeln in der Sozialen Arbeit kann also verstanden werden als ein reflexives Verhältnis der Fachkräfte zu den von ihnen vertretenen Zie- len, Inhalten und Verfahrensweisen im Sinne eines prozessorientierten Arbeitens im Kontext gesell- schaftspädagogischer Konzepte. In diesem Sinn schützt didaktisches Handeln vor einem sozialtech- nologischen Umgang mit Methoden und ermög- licht ein „handwerklich“ gekonntes Vorgehen in Analyse, Zielbestimmung, Planung und Evaluation (zur Sozialpädagogik als Handwerk vergleiche Winkler 2009). Ebenso verweist didaktisches Han- deln aber auch auf die Notwendigkeit zu analysie- ren und zu reflektieren, wer im Verhältnis von Theorie und Praxis die Definitionsmacht über die relevanten Ziele und Inhalte hat: die Disziplin und Profession der Sozialen Arbeit selbst oder von au- ßen wirkende Kräfte wie z.B. sozialpolitische und ökonomische Vorgaben und deren disziplinäre Fun- dierung.
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=