Handbuch 5. Auflage

Didaktik 299 Unterricht verwiesen). Auch ist die didaktische Pla- nungsaufgabe bei Lehrkräften eine andere als bei Fachkräften der Sozialen Arbeit. Ausgangspunkte für die schulische Unterrichtsplanung sind der durchschnittliche Entwicklungsstand der Schüler einer Klasse sowie die Vorgaben aus dem Lehrplan. Die Erfahrungswelt der Schüler und ihre besonde- ren Lebenssituationen können oft kaum berück- sichtigt werden. „Abweichungen von den durch- schnittlichen entwicklungsmäßigen und sozialen Voraussetzungen werden als störende Randbedin- gungen erfasst, die unter Umständen besondere Maßnahmen erforderlich machen“ (Martin 2005, 27). Im sozialpädagogischen Handeln werden hin- gegen gerade die Aspekte zum Ausgangspunkt der Analyse und Planung, die in der Schulpädagogik eher den Status von Randbedingungen haben: Der Zusammenhang zwischen der individuellen Lebens- geschichte der Klientel und ihren aktuellen Lebens- situationen mit ihren besonderen Problemen und Konflikten rückt ins Zentrum des Interesses sozial- pädagogischer Planung und Gestaltung von Lern- prozessen. Die besonderen Merkmale didaktischen Denkens und Handelns in den Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit lassen sich vor diesem Hintergrund wie folgt be- schreiben (Martin 2005, 40 f.; Galuske 2007, 56 ff.; Thiersch 1986, 114 ff.): Die Didaktik der Sozialen Arbeit hat es vielfach mit ■ ■ Handlungs- und Beziehungssituationen zu tun, in denen Lernen und Bildung in indirekter Weise erfol- gen, Situationen, in denen beispielsweise die Be- wältigung von Alltagsproblemen zur Lehr-Lern-Si- tuation wird. Diese Situationen gilt es – vor dem Hintergrund von einschlägigem Fachwissen und Theoriewissen –, zu erkennen und zu gestalten. Die Didaktik der Sozialen Arbeit muss sich in weit ■ ■ stärkerem Maße als die schulische Didaktik mit den jeweiligen Rahmenbedingungen des Handelns be- fassen – den politischen, rechtlichen, institutionel- len, kulturellen und räumlichen Bedingungen sowie dem lebensweltlichen Hintergrund der Klientel und der Fachkräfte –, da diese Rahmenbedingungen den Zugang aller Beteiligten zum Lernen prägen. Die Didaktik der Sozialen Arbeit muss als ■ ■ offene Di- daktik angesehen werden, d.h., sie wendet sich ge- gen rezeptartig verstandene, technologisch einge- setzte Methoden und bemüht sich stattdessen, alle für eine Handlungssituation relevanten Faktoren zu erfassen. Sie muss verschiedene Modelle der didak- tischen Analyse anbieten, um Ziele, Inhalte, Metho- den und Mittel in einen für das jeweilige Arbeitsfeld passenden Zusammenhang zu bringen. Beispiele für solche Modelle sind das Verlaufsmodell der di- daktischen Arbeit von Martin (2005), der „Werk- zeugkasten“ von H.v. Spiegel (2004) und – wenn auch mit einem anderen Ansatz – B. Müllers „Lehr- buch zur multiperspektivischen Fallarbeit“ (2009). Die Didaktik der Sozialen Arbeit muss das ■ ■ Subjekt in den Mittelpunkt des fachlichen Handelns stellen. Dabei gilt es, die Partizipationsmöglichkeiten der Klientel zu stärken, Interventionsziele in Hilfepro- zessen gemeinsam auszuhandeln und (verdeckte) Machtausübung durch Fachkräfte oder Strukturen vor dem Hintergrund berufsethischer Grundsätze kritisch zu reflektieren. Soziale Arbeit gestaltet Lernprozesse in unterschied- lichsten Arbeitsfeldern, Beispiele hierfür sind: Semi- nare für Gedächtnistraining als Angebot des Sozial- dienstes in Altenhilfeeinrichtungen, um die geistige Aktivität der Menschen zu erhalten; Betreutes Trai- ningswohnen für Menschen mit Behinderung, um ihnen zu einem möglichst selbstständigen Leben zu verhelfen; Hausaufgabenhilfe und Freizeitgestaltung in der Sozialen Gruppenarbeit einer Jugendhilfeein- richtung zur Förderung der schulischen und sozialen Entwicklung der Kinder; die Einbindung von Ju- gendlichen in den Thekendienst eines Jugendhauses zur Förderung von Selbstständigkeit und Verant- wortungsübernahme; ein Projekt zur Naturerkun- dung in einer Kindertageseinrichtung, um Kindern Naturerfahrungen wie beispielsweise die Beobach- tung des Knospens und Blühens von Blumen zu er- möglichen etc. Zum didaktischen Handeln werden all diese Angebote jedoch erst, wenn gewählte Ziele, Inhalte, Methoden und Medien in einem pädagogisch begründeten und reflektierten Zusam- menhang stehen, der die o. g. Merkmale sozialpäd­ agogischer Didaktik berücksichtigt. Um ihren vielfältigen und zum Teil widersprüch­ lichen Aufgaben gerecht zu werden braucht die Soziale Arbeit also eine Didaktik, mit deren Hilfe sie ihre Ziele und Vorgehensweisen vor dem Hintergrund von Beobachtungs- und Beschrei- bungswissen, Erklärungs- und Begründungswis- sen, Wertwissen sowie Handlungs- und Interven- tionswissen (v. Spiegel 2004) reflektieren und legitimieren kann.

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=