Handbuch 5. Auflage
302 Dienstleistungsorientierung Von Melanie Oechler Soziale Arbeit als Dienstleistung kann als einer der zentralen Diskurse, die die Entwicklung der Sozia- len Arbeit in Theorie und Praxis seit Anfang der 1990er Jahre maßgeblich mitgeprägt haben, ver- standen werden. Dienstleistungsorientierung in der Sozialen Arbeit lässt sich sowohl als ein Kon- zept professioneller Entwicklungspostulate formu- lieren sowie auch als staatliche Restrukturierungs- bemühungen des öffentlichen Sektors mit dem Ziel der Effektivitäts- und Effizienzsteigerung der sozialen Dienste. Ihr Stellenwert erklärt sich zum einen im Kontext gesellschaftlicher Modernisie- rungsprozesse und begründet sich zum anderen in internationalen Entwicklungen staatlicher Privati- sierungs- und Deregulierungsbestrebungen (Na- schold / Bogumil 2000). Im Zuge dieser veränder- ten Rahmenbedingungen und den traditionellen Professionalisierungsbestrebungen Sozialer Arbeit kann die Bestimmung Sozialer Arbeit als Dienst- leistung als ein Versuch gedeutet werden, einerseits die professionelle Praxis analytisch zu beschreiben und andererseits konzeptionelle Orientierungen zu bieten. Es wird auf die Notwendigkeit einer bedürf- nisgerechten Bereitstellung von sozialen Leistungen verwiesen, welche durch eine angemessene Verhält- nisbestimmung der Organisationen bzw. Professio- nellen der Sozialen Arbeit zu ihren Adressatinnen und Adressaten hergestellt werden soll (Flösser 1994; BMFSFJ 1994), und verknüpft somit die Frage nach einer umfassenden Planung und Ent- wicklung von effektiven und effizienten Dienstleis- tungsangeboten mit der Notwendigkeit eines fach- lich eigenständigen und aus der Sozialpädagogik selbst, d. h. aus den gewandelten Problemlagen und Bedürfniskonstellationen der die sozialen Dienste Nachfragenden, sich begründenden Paradigmen- wechsel Sozialer Arbeit (BMFSFJ 1994). Bei der Rekonstruktion der Dienstleistungsdebatte in der Sozialen Arbeit werden zwei „Diskurszyk- len“ unterschieden (Olk 1994; Schaarschuch 1999; Galuske 2002), die jedoch vor dem Hintergrund unterschiedlicher wohlfahrtsstaatlicher Arrange- ments stattfinden. Beide Diskurse sind in der Ver- gangenheit bislang nicht immer systematisch auf- einander bezogen, sondern weitgehend getrennt diskutiert worden. Danach lässt sich zwischen ei- nem sozialwissenschaftlichen und einem öko- nomisch geprägten Diskurs unterscheiden. Zunächst werden die verschiedenen Diskurse nach- gezeichnet, um in einem zweiten Schritt die Mo- dernisierungsanforderungen und Verfachlichungs- tendenzen im Hinblick auf ihre normativen Wirkungen auf die Soziale Arbeit und Versuche einer kategorialen Füllung des Dienstleistungs- begriffs in der Tradition sozialpädagogischer Theo- riebildung näher zu beleuchten. Zuletzt werden die durch die Dienstleistungsdebatte angestoßenen ak- tuellen Entwicklungen in der Sozialen Arbeit skiz- ziert. Die Dienstleistungsgesellschaft als Ausgangspunkt für sozialwissenschaftliche Analysen Seinen Ausgangspunkt nimmt die Diskussion über Dienstleistungen in makroökonomischen Analysen über die westlichen Industriegesellschaften. Die Ur- sprünge des Dienstleistungsdiskurses lassen sich als primär gesellschaftstheoretisch verorten. Den Ur- sprung dieses ersten Diskurses bildet die von dem französischen Ökonom Jean Fourastié veröffentliche Studie „Die große Hoffnung des zwanzigsten Jahr- hunderts“ im Jahr 1949 (dt. Fassung 1954), in der Fourastié einen optimistischen Entwurf über die zu- künftige Gesellschaft vorlegt. Damit wurde eine grundlegende Debatte um Dienstleistungstätigkei- ten in der Gesellschaft angestoßen, welche zunächst Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art027, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=