Handbuch 5. Auflage

Dienstleistungsorientierung 303 ohne jeglichen Bezug zu der Sozialen Arbeit statt- fand (Fourastié 1954; Bell 1975; Gartner / Riess- man 1978; zusammenfassend Häußermann / Siebel 1995). Im volkswirtschaftlichen Sinne handelt es sich bei Dienstleistungen um ein ökonomisches Gut, bei dem im Gegensatz zur industriellen Pro- duktion nicht der materielle Gehalt im Vorder- grund steht, sondern eine prozesshafte Leistungs- erbringung. EntsprechendwerdenDienstleistungen allgemein als Tätigkeiten definiert, die weder dem wirtschaftlichen Produktionsbereich der Nahrungs- mittel- und Rohstoffgewinnung (primärer Sektor) noch der industriellen Rohstoffverarbeitung (se- kundärer Sektor) zugeordnet werden können. Der Wandel von einer Agra- über eine Industrie- zu ei- ner Dienstleistungsgesellschaft würde nicht ohne Kämpfe um die gesellschaftlichen Machtstruktu- ren, der Strukturen politischer Herrschaft und der Arbeitsbedingungen und Arbeitsverhältnisse von- stattengehen. Die sich daraus neu entwickelten Werte wurden in einer „Humanisierung der Arbeits- welt, Verbesserung der Lebensqualität und der Um- weltbedingungen, Erweiterung des Bewusstseins, Abbau von Hierarchie, Bürokratie, Autorität und Zentralismus sowie Entwicklung der Persönlich- keit“ (Gartner / Riessman 1978, 52) gesehen. Die Rolle des Konsumenten wird insofern nachhaltig aufgewertet, dass den Konsumenten von Dienst- leistungen „eine besondere Macht“ (16) bzw. eine bedeutsame Produktivkraft im Prozess der Dienst- leistungserbringung zugeschrieben wird (21 ff.). Unabhängig von diesem für amerikanische Verhält- nisse entworfenen gesellschaftstheoretischen Modell setzte zeitgleich in der BRD eine Beschäftigung mit Leistungen, die im Rahmen der Sozialpolitik als personenbezogene soziale Dienstleistungen erbracht werden, ein (Badura /Gross 1976; Gross /Badura 1977). In Bezug auf den quantitativen Wachstum der Beschäftigungszahlen im Dritten Sektor sowie auf die prognostizierte qualitative Veränderung der Gesellschaft setzten sich Badura/Gross in ihren sozi- alwissenschaftlichen Analysen mit den staatlichen Strategien zur Bewältigung von sozialen Problemen auseinander. Ausgangspunkt bildet der zunehmende Bedarf an öffentlich erbrachten personenbezogenen sozialen Dienstleistungen u.a. aufgrund schwinden- der familiärer und nachbarschaftlicher Ressourcen, der Relativierung normativer Bezugspunkte sowie den daraus resultierenden Steuerungsproblemen des Staates. Die Nachfrage nach sozialen Dienstleistun- gen stieg insbesondere in den 1970er bis in die frü- hen 1980er Jahren (Rauschenbach 1999), also in jenem Zeitraum, in dem die Produktion der Güter- herstellung sowie die produktorientierten Dienst- leistungen an ihre Grenzen des Wachstums ange- kommen waren und in eine Strukturkrise gerieten. Erklärt werden kann die expansive Bereitstellung sozialer Dienstleistungen zum einen mit den sozial- politischen Anforderungen, auf die flexibilisierten Reproduktionsformen und die daraus resultierenden destandardisierten Lebensformen angemessen flexi- bel zu reagieren. Zum anderen sind es die aus den sich abzeichnenden Ungleichheitsverhältnissen resul­ tierenden quantitativen und qualitativen Problem- konstellationen, die durch staatliche Regulierungs- mechanismen (nämlich soziale Dienstleistungen) kontrolliert und reglementiert werden. Die „Dienst- leistungsstrategie“ zielte somit auf die „Wiederher- stellung, Sicherung undVerbesserung der physischen und kulturellen Voraussetzung zur Teilnahme an den sozialen, ökonomischen und politischen Aktivi- täten unserer Gesellschaft“ (Badura /Gross 1976, 13). Die Folge dieser „Durchstaatlichung der Gesell- schaft“ (Hirsch/Roth 1986, 64) war eine zuneh- mende Bürokratisierung, Verrechtlichung, Profes- sionalisierung und Ökonomisierung (ausführlich Badura/Gross 1976, 103ff.), die nicht ohne Aus- wirkungen auf die Soziale Arbeit blieb. In ihrem „Entwurf einer Theorie personenbezo- gener Dienstleistungen“ rücken Gross / Badura (1977) das interaktive und kommunikative Mit- einander von Dienstleistungsproduzierenden und Dienstleistungskonsumierenden in den Mittel- punkt. Die Aufmerksamkeit wurde weitgehend auf das Kriterium der Interaktionsintensität bzw. der Koproduktion im Dienstleistungserbrin- gungsprozess gelegt. Während bis dato die Annahme vorherrschte, dass rechtliche und ökonomische Interventionsformen vorherrschend waren, traten nun personenbezo- gene soziale Dienstleistungen zu den „klassischen“ Interventionsformen Geld und Recht als ein inte- graler Bestandteil moderner Sozialstaatlichkeit hinzu, mittels deren Steuerungskapazität und -reichweite in die gesellschaftlichen Lebensver- hältnisse dem „Problem der Effektivität“ ent- gegengewirkt werden sollte (Kaufmann 1977, 41). Die Adressatin bzw. der Adressat von sozialen Dienstleistungen wird zum Koproduzenten bzw. Koproduzentin der Dienstleistungsarbeit, womit

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