Handbuch 5. Auflage
Diskriminierung und Rassismus 319 An Benachteiligungen, die direkte oder indirekte ■ ■ Folge der sozioökonomischen Position oder des Bildungsniveaus sind, reichen rechtliche, sozial- arbeiterische und pädagogische Antidiskriminie- rungskonzepte nicht heran. In der Diskussion um eine antirassistische Orien- tierung von Pädagogik und Sozialarbeit sind zudem folgende Problemlagen deutlich geworden (Heit- meyer 1992; Holzkamp 1994; Scherr 2001; Tagu- ieff 2000, 253 ff.): Eine theoretisch informierte Sensibilität für Rassis- ■ ■ mus und Diskriminierung kann keineswegs als selbstverständliches Element professioneller Kom- petenz vorausgesetzt werden. Antirassistische Positionierungen können mit ■ ■ kontraproduktiver Moralisierung, dem Bedürfnis nach Vereindeutigung und Bekenntniszwängen einhergehen, die Lernprozesse blockieren. Wie- land Elfferding hat bereits Ende der 1980er Jahre darauf hingewiesen, dass es problematisch sei, nationalistische Ausländerfeindlichkeit „pausen- los als Rassismus zu denunzieren“. Denn dies „könnte dazu führen, dass der gegenwärtig be- stimmende Gegensatz im Schlagschatten des po- litischen Angriffs bleibt, während sich die Fronten durch falsche Gegneridentifikation verhärten.“ (Elfferding 1989, 107) Der antirassistische Diskurs kann in Konstruktio- ■ ■ nen seiner vermeintlichen oder tatsächlichen Geg- ner umschlagen, die ihrerseits den Charakter eines Feindbildes tragen. So wurde etwa Anfang der 1990er Jahre durchaus massiv eingefordert, Leis- tungen der Jugendarbeit für rechte Jugendszenen einzustellen. Zudem stellt sich die Frage, ob der endlich in Gang ■ ■ gekommene antirassistische Diskurs in Theorie und Praxis den sich konturierenden Bedingungen eines transnationalen, sich fortschreitend globalisieren- den High-Tech-Kapitalismus gerecht wird. Für transnationale Konzerne und als Akteure des Globalisierungsprozesses auftretende politische, mediale und ökonomische Eliten stellt Rassismus eine unzeitgemäße Ideologie der kleinen Leute dar, die es, im Interesse eines reibungslosen Ablaufs der Geschäfte, zu überwinden gilt. Andere soziale Spaltungen dagegen werden keineswegs infrage ge- stellt. Pointiert formulierte Wolfgang Fritz Haug (1992, 762): „Wir wissen, dass wir eine Welt-Sozi- alpolitik brauchen. Wir wissen nicht, wie wir dort- hin gelangen.“ Zugleich ist aber nicht zu überse- hen, dass sich in den Grenzziehungen der Festung Europa und in der gegenwärtigen Flüchtlings- und Asylpolitik durchaus „zeitgemäße“ Ansatzpunkte für rassialisierende Konstruktionen abzeichnen. Der Tod tausender afrikanischer Flüchtlinge im Mittelmeer jedenfalls stößt an Grenzziehungen, die Mitleidsfähigkeit und politisches Engagement einschränken. Zudem ist ein Wiedererstarken na- tionaler und nationalistischer Politikmodelle unter Bedingungen eines krisenhaften Globalisierungs- schubs keineswegs ausgeschlossen. Kritische Rückfragen an gegen Diskriminierung und Rassismus gerichtete Strategien sind als Auf- forderungen zur weiteren theoretischen Klärung und zur Überprüfung interkultureller und antiras- sistischer Praxisformen zweifellos ernst zu nehmen. Als Legitimation für den Verzicht auf eine deutli- che Positionierung der professionellen Theorie und Praxis, wie sie sich inzwischen selbst in einer gesell- schaftskritischen Ausrichtung unverdächtigen Or- ganisationen wie dem Deutschen Fußballbund finden, eignen sie sich dagegen nicht. Literatur Adams, M., Blumenfeld, W.J., Castaneda, R., Hackmann, H.W., Peters, M.L., Zuniga, Y. (Hrsg.) (2000): Readings for Diversity and Social Justice: An Anthology on Racism, Antisemitism, Heterosexism, Ableism, and Classism. Routledge, New York/London Adorno, T.W. (1955/1975): Gesammelte Schriften. Bd. 9. Suhrkamp, Frankfurt/M. Anhorn, R., Bettinger, F., Stehr, J. (Hrsg.) (2008): Sozialer Ausschluss und Soziale Arbeit. VS Verlag, Wiesbaden Aronson, E., Wilson, T.D., Akert, R.M. (Hrsg.) (2004): So- zialpsychologie. Pearson-Studium, Stuttgart Bader, Veit-Michael (1995): Rassismus, Ethnizität, Bürger- schaft. Westfälisches Dampfboot, Münster Balibar, E. (1990): Gibt es einen „Neo-Rassismus“? In: Bali- bar, E., Wallerstein, I. (Hrsg.): Rasse, Klasse, Nation. Am- bivalente Identitäten. Argument Verlag, Hamburg, 23–38 –, Wallerstein, I. (1990): Rasse, Klasse, Nation. Argument Verlag, Hamburg
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