Handbuch 5. Auflage
32 Böhnisch verschmelzen miteinander. Dass in den letzten Jah- ren auch Mädchen in dieser gewaltnahen Cliquendynamik auffällig werden, eigene Cliquen bilden, hängt zum einen damit zusammen, dass die betroffenen Mädchen sich auf auffällige Weise jugendkulturell emanzipieren wollen (Bütow 2006), zum anderen, dass sie sich gegen traditio- nelle Weiblichkeitskonzepte aggressiv absetzen (Bruhns /Wittmann 2002). Die Jugendhilfe als Kontrollinstanz Die Jugendhilfe, jenes breite Feld der Sozialpäd agogik / Sozialarbeit, gerät zwangsläufig, das heißt strukturell, immer wieder in den Sog von eigenen Etikettierungs- und Stigmatisierungsprozessen, die aus der ihr innewohnenden Spannung zwischen Hilfe und Kontrolle resultieren. Diese ihr imma- nenten Etikettierungstendenzen sind in der Ju- gendhilfekritik seit den 1980er Jahren bis heute hinreichend beschrieben worden (Herriger 1987; Klatetzki 1998; Ader 2006). Diese institutionelle Etikettierungsgefahr entsteht vor allem auch da- durch, dass die Jugendhilfe traditionell ihr Klientel nicht selbst rekrutiert, sondern durch andere Insti- tutionen, z. B. die Polizei oder die Schule, zugewie- sen bekommt. In diese Zuweisung sind schon De- finitionen des Falls eingegangen: Die Jugendlichen kommen nicht als solche, sondern kategorisiert als Normverletzer und entsprechend registrierter Ty- pus zur Jugendhilfe, von der – diesem Typus ent- sprechende – Maßnahmen erwartet werden. Dies trifft vor allem Kinder und Jugendliche, von deren Familien aufgrund ihres sozialen Status angenom- men wird, dass sie nicht zur privaten Regulierung des angerichteten Schadens oder überhaupt zur verständigenden Kommunikation über den Tatver- dacht ihrer Kinder bereit und in der Lage sind. Die Jugendhilfe wird also meist erst eingeschaltet, wenn schon ein wesentlicher Typisierungsvorgang gelau- fen ist, in den sie sich mehr oder minder einfädelt, die vorangegangenen Definitionen anerkennen, zumindest sich aber verbindlich damit auseinander setzen muss. Gleichzeitig stehen die Sozialarbeite- rInnen unter dem institutionellen Druck, die Hil- fevorgänge in Indikationen und Verfahrensregeln des Jugendhilfegesetzes und seiner jeweils behördli- chen Ausführungstradition einzupassen und grei- fen dabei oft auf ein „berufsbezogenes Alltagswis- sen“ (Herriger 1987) zurück, das auf Typisierung angelegt ist, weil es ja die behördliche Handlungs- fähigkeit der SozialarbeiterInnen aufrecht erhalten soll. So entwickeln sich pragmatische Persönlich- keitstheorien Abweichenden Verhaltens, die in „praktische Ideologien“ eingebettet sind, welche über die fachliche Orientierung hinaus Sinnstif- tung im Beruf vermitteln. Als solche organisieren sie das Handeln der MitarbeiterInnen und sind „Grundlagen für Kooperation und professionelle Selbstkontrolle“ (Klatetzki 1998, 61). Dass diese institutionelle Gebundenheit des dia gnostischen Blicks bei gleichzeitig persönlichkeits- theoretisch verbrämtem Willen, den Kindern und Jugendlichen gerecht zu werden, weiterwirkt, ver- weist auf eine gleichsam strukturell eingelassene Resistenz von Etikettierungen (Adler 2006), in de- nen sich die in den Köpfen der Professionellen wirkenden institutionellen Grenzziehungen spie- geln. So führt der Anpassungsdruck an institutio- nelle Interessen oft dazu, dass diese als Wertorien- tierungen in die persönlichen Vorstellungen der Professionellen eingehen. Auffällig sind dabei die hohe Orientierung an Familienidealen, verbunden mit einer Fokussierung tradierter Geschlechter stereotype sowie die Beharrlichkeit festgefügter Vor stellungen über „normale“ Lebensweisen. Ader, S. (2006): Was leitet den Blick? Wahrnehmung, Deu- tung und Interaktion in der Jugendhilfe. Juventa, Wein- heim/München Althoff, M., Leppelt, M. (1995): „Kriminalität“ – Eine diskursive Praxis. LIT-Verlag, Münster/Hamburg Baier, D. (2005): Abweichendes Verhalten im Jugendalter. Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation 4, 381–398 Bohle, H.H., Heitmeyer, W., Kühnel, U., Sander, U. (1997): Anomie in der modernen Gesellschaft. In: Heitmeyer, W. (Hrsg.), 29–68 Böhnisch, L. (2010): Abweichendes Verhalten. Juventa, Wein- heim/München – (2004): Männliche Sozialisation. Juventa, Weinheim / München Literatur
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