Handbuch 5. Auflage
Abweichendes Verhalten 31 1988) werden. Die Art des Eingehens auf die Be- dürfnisse, die Kinder und Jugendliche von sich aus entwickeln, wird damit zum wichtigsten sozialisato- rischen Problem. Denn je mehr das, was aus dem Selbst herauskommt verwehrt und von der sozialen Umwelt – vor allem auch in der Erziehung – „als Feind der sozialen Anpassung“ (Gruen) abgestem- pelt wird, je mehr erfahren und in derWiederholung gelernt wird, dass im Grunde nichts in einem selbst ist, desto eher beginnen die Betroffenen, die eigenen Bedürfnisse zu unterdrücken und zu fürchten. Es kann geradezu eine Angst vor der Lebendigkeit der eigenen Gefühle entstehen, die als bedrohliche Feinde erlebt werden. Wer zur Erfahrung gezwun- gen wird, dass nichts aus ihm selbst geschieht, wird – vor allem dann, wenn die äußere Sozialbin- dung gefährdet ist – in eine emotionale Leere ge- trieben. Die damit verbundene innere Hilflosigkeit in der Folge des beschädigten Selbst gerät zum Hass auf sich selbst und die eigenen Gefühle. Dieser Selbsthass – weil selbstzerstörerisch und deshalb sich selbst gegenüber nicht zugebbar und nicht integrier- bar – muss abgespalten und auf andere, die Hilf- losigkeit zeigen oder symbolisieren, gerichtet (pro- jiziert) werden. Diese werden aber nicht als konkrete Menschen gehasst, sondern als (abstrakte) Träger der Hilflosigkeit. So wie demTäter seine Gefühle fremd sind, so müssen ihm die Gefühle anderer fremd sein. Abstraktionsvorgänge spiegeln sich aber nicht nur bei extremen Gewalttaten ab, sondern auch im All- tag, wenn man seinen Frust an jemand anderem, auch wenn er einem nahe steht, auslässt und sich dabei „selbst nicht mehr kennt“ (Körner 2007; Böh- nisch 2010). Geschlecht und Devianz Geschlechterhierarchie und Geschlechtsdifferenz bilden sich auch in geschlechtstypischen Anomie- strukturen wider. „Mädchen sind in allen Delinquenzbereichen signifikant unterrepräsentiert. Eine traditionelle Orientierung auf die Familie und den Bereich persönlicher Beziehungen […] bewahrt Mädchen und junge Frauen vor der Wahl illegiti- mer Mittel, zu denen sie durch ihre geschlechtstypische Sozialisation darüber hinaus seltener Zugang haben als Jungen.“ (Ziehlke 1993, 215) Diese Grundaussage zum Verhältnis Geschlecht und Devianz muss heute – der Emanzipation von Mädchen und jungen Frauen in Bildung und So- ziokultur – relativiert, kann aber in Grundzügen beibehalten werden. Die Grunderkenntnisse ge- schlechtsspezifischer Sozialisationstheorie, nach der Jungen und Männer ihrem Fühlen und Han- deln früh nach „außen“ getrieben („externalisiert“) sind und es deshalb schwer haben Gefühl für sich selbst und andere entwickeln zu können, gilt nach den neueren Erkenntnissen der jugendpädagogi- schen Forschung immer noch (Matzner /Tischner 2008). Mädchen und Frauen hingegen sind in der Erziehung immer noch stärker am „Innen“, an der familial-reproduktiven Sphäre und der damit ver- bundenen Moral der Empathie und Fürsorge aus- gerichtet (Faulstich-Wieland 2008). Dem ent- spricht auch eine typisch weibliche Deliktstruktur, die sich eher auf die familialen und nichtöffent- lichen Bereiche bezieht, aber sich auch in der Ge- walt gegen sich selbst äußert (z. B. Magersucht, Medikamentenmissbrauch). Männer sind in öf- fentlichen Gewaltdelikten weit überrepräsentiert. Diese Geschlechterdifferenzen spiegeln sich auch im Vorgehen der Kontrollinstanzen wider. Etiket- tierungs- und Stigmatisierungsprozesse z. B. in der Schule haben solche geschlechtsdifferenten Aus- prägungen. Entsprechende Befunde weisen darauf hin, „dass Jungen eher von Etikettierungsprozessen als Mädchen betroffen sind, was wiederum damit zusammenhängt, dass sie sich eher an Gewalthand- lungen und Unterrichtsstörungen beteiligen [und] stärker vom Schulversagen betroffen sind“ (Popp 2002, 79). Mädchen geraten dagegen nicht so di- rekt in solche Etikettierungsprozesse, die Konflikte mit der Schule nach sich ziehen. Auch im Cliquen- verhalten, das ja Devianz maßgeblich beeinflussen kann, zeigen sich entsprechende Geschlechter- unterschiede. Für die Jungen ist die Clique die so- ziale Gesellungsform, in der man zum ersten Mal richtig „unter Männern“ sein kann, nachdem in Familie, Kindergarten und Schule Frauen den All- tag dominiert haben und männliche Vorbilder rar waren. Die Idolisierung des Männlichen und Ab- wertung des Weiblichen (Böhnisch 2004) kann dann in der Cliquendynamik vor allem bei den Jungen neu freigesetzt werden, die schon in ihrem bisherigen Leben immer wieder in maskuline Auf- fälligkeiten gedrängt waren. Männlichkeitsstreben, provokative Auffälligkeit und Gewaltbereitschaft
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