Handbuch 5. Auflage

330 Mecheril · Plößer  durch Diversity-Ansätze befördert und welche Dif- ferenzzusammenhänge vernachlässigt werden. Über eine (rein additive) Feststellung von Differenzlinien („in unsere Beratung kommen jetzt auch türkische Mädchen“ oder „Wir haben jetzt auch eine Mit- arbeiterin mit Migrationshintergrund“) hinaus- gehend, gilt es zu fragen, welche Ausschlüsse und Diskriminierungen aber auch welche machtvollen Effekte mit den jeweiligen Differenzlinien verbun- den sein können. Insofern die Soziale Arbeit als eine Profession verstanden werden kann, die durch ihr diagnostizierendes, kategorisierendes und normali- sierendes Vorgehen im besonderen Maße an der Pro- duktion von Bedeutungen, an Wissen über die An- deren beteiligt ist, gilt es die ausgrenzenden Effekte, die durch die Ausblendung von Differenzen in der Sozialen Arbeit produziert werden, ebenso zu be- denken wie jene festlegende Macht, die durch die Anerkennung von Andersheit und Vielfalt zur Gel- tung kommt. Angesichts des unauflösbaren Dilem- mas, Differenzen auf der einen Seite anerkennen zu müssen und im Rahmen dieser Anerkennung auf der anderen Seite, normierend zu sein, könnte es Ziel Sozialer Arbeit sein, eine kommunikative Be- rücksichtigung von Differenz und Identität, von Fremdheit und Anderssein zu ermöglichen, die do- minante Differenzschemata nicht so relevant setzt, dass die Subjekte gezwungen oder verführt werden, sich in diesen Schemata darzustellen, und ihnen zu- gleich die Freiheit gewährt wird, sich in diesen Schemata zu artikulieren. Rudolf Leiprecht (2008a, 436f.) verweist in diesem Zusammenhang auf die Notwendigkeit einer diversitätsbewussten Sozialpäd­ agogik, die den subjektiven Möglichkeitsraum der Individuen in seinen Begrenzungen aber auch in seinen Artikulations- und Veränderungspotenzialen zu berücksichtigen sucht. Literatur Allgemeines Gleichstellungsgesetz (AGG) (2006). In: http:// www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/agg/gesamt.pdf , 17.11.2008 Anhorn, R., Bettinger, F., Stehr, J. (Hrsg.) (2007): Foucaults Machtanalytik und Soziale Arbeit. Eine kritische Einfüh- rung und Bestandaufnahme. VS Verlag, Wiesbaden Böhnisch, L. (2005): Lebensbewältigung. Ein sozialpolitisch inspiriertes Paradigma für die Soziale Arbeit. In: Thole, W. (Hrsg.): Grundriss Soziale Arbeit. Ein einführendes Handbuch. 2., überarb. u. aktual. Aufl. VS Verlag, Wies- baden, 199–213 –, Schroer, W., Thiersch, H. (2005): Sozialpädagogisches Denken. Wege zu einer Neubestimmung. Juventa, Wein- heim/München Crenshaw, K. (1994): Mapping the Margins: Intersectionality, Identity Politics, and Violence Against Women of Color. In: Fineman, M., Mykitiuk, R. (Hrsg.): The Public Nature of Private Violence. Routledge, New York, 93–118 Degele, N., Winker, G. (2009): Intersektionalität. Transcript, Bielefeld Diehm, I., Radtke, F.-O. (1999): Erziehung und Migration. Eine Einführung. Kohlhammer, Stuttgart/Berlin/Köln Hahn, K. (2007): Vielfalt und Differenz aus der Perspektive der Sozialen Arbeit. Sozialmagazin 2, 20–27 Hormel, U. (2008): Diversity und Diskriminierung. Sozial Extra 11/12, 20–24 Hormel, U., Scherr, A. (2004): Bildung für die Einwande- rungsgesellschaft. VS Verlag, Wiesbaden Kessl, F. (2005): Der Gebrauch der eigenen Kräfte: Eine Gou- vernementalität Sozialer Arbeit. Juventa, Weinheim/Mün- chen –, Otto, H.-U. (2010): Soziale Arbeit. In: Albrecht, G., Grö- nemeyer, A. (Hrsg.): Handbuch Soziale Probleme. 2.Aufl. VS Verlag, Wiesbaden, 1079–1106 –, Plößer, M. (2010): Differenzierung, Normalisierung, An- dersheit. Soziale Arbeit als Arbeit mit den Anderen – eine Einleitung. In: Kessl, F., Plößer, M. (Hrsg.): Differenzie- rung, Normalisierung, Andersheit. Soziale Arbeit als Um- gang mit den Anderen. VS Verlag, Wiesbaden, 7–16 –, Reutlinger, C., Ziegler, H. (Hrsg.) (2007): Soziale Arbeit und die „neue Unterschicht“. VS Verlag, Wiesbaden Kleve, H. (2003): Soziale Arbeit – Arbeit an und mit Diffe- renz. Prolegomena zu einer Theorie differenzakzeptieren- der Sozialarbeit/Sozialpädagogik. In: Kleve, H., Koch, G., Müller, M. (Hrsg.): Differenz und Soziale Arbeit. Sensibi- lität im Umgang mit dem Unterschiedlichen. Schibri, Berlin, 36–56 Knapp, G.-A. (2005): „Intersectionality“ – ein Paradigma fe- ministischer Theorie? Zur transatlantischen Reise von „Race, Class, Gender“. Feministische Studien 1, 68–81 Lamp, F. (2007): Soziale Arbeit zwischen Umverteilung und Anerkennung. Der Umgangmit Differenz in der sozialpäd­ agogischen Theorie und Praxis. Transcript, Bielefeld Leiprecht, R. (2008a): Eine diversitätsbewusste und subjekt- orientierte Sozialpädagogik. neue praxis 4, 427–439 – (2008b): Diversity Education und Interkulturalität in der Sozialen Arbeit. Sozial Extra 11/12, 15–19 Lutz, H. (2001): Differenz als Rechenaufgabe. Über die Rele- vanz der Kategorien Race, Class und Gender. In: Lutz, H., Wenning, N. (Hrsg.): Unterschiedlich verschieden. Diffe- renz in der Erziehungswissenschaft. Leske und Budrich, Opladen, 215–230

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