Handbuch 5. Auflage

Diversity und Soziale Arbeit 329 untergeordneten Positionen beschäftigt? Entspricht die Mitarbeiter/innen-Struktur der Struktur der Lebens- Alltagswelten, die für die Einrichtung rele- vant sind? Repräsentiert die Einrichtung auch In- halte, die Inhalte nicht allein der Majorität, sondern auch der Minderheiten sind? Zugleich wohnt der Repräsentation der Unterschiede, der Sprachen und Identitäten das Potenzial der zuweilen klischeehaften Fixierung und Einengung inne. Diversity-Konzepte in der Sozialen Arbeit können mithin als ambivalente und riskante Praxis der An- erkennung und des Umgangs mit Differenz ver- standen werden: Sie ermöglichen eine Praxis, die den Ausschluss marginalisierter Positionen und Identitäten potenziell mindert. Zugleich kann der Bezug auf Diversity als eine raffiniert(er)e Form der Festlegung und Annexion von Differenzen/Identi- täten (z.B. zur Leistungssteigerung) eingesetzt wer- den. Um letztere Gefahr zu minimieren empfiehlt sich, die hegemonialen Wirkungen von Diversity zu problematisieren und das emanzipative Potenzial dieses Ansatzes durch kritische Reflexion zu stärken. In einem abschließenden Schritt sollen deshalb As- pekte eines kritisch-reflexiven Diversity-Konzepts vorgestellt werden. Diversity-Ansätze, die differenz- und machttheore- tisch informiert sind und gegenüber einem instru- mentellen und naiv-anerkennenden Umgang mit Differenz(en) einen reflexiven Ansatz präferieren, geht es nicht allein um Verteilungsausgleich, um Anerkennung und Ressourcenorientierung, sondern vielmehr auch darum: „Strukturen und Prozesse durchschaubar zu machen, durch die Unterschiede von Fähigkeiten und Fertigkeiten, der Lebensfüh- rung, Identitätskonstruktion zwischen sozial unglei- chen Gruppen hervorgebracht werden; zur Kritik unzulässiger Generalisierung, von Stereotypen und Vorurteilen zu befähigen sowie dafür zu sensibilisie- ren, dass jedes Individuum ein besonderer Einzelner ist; begreifbar zu machen, dass Gruppenzuordnun- gen keine klaren und eindeutigen Grenzen zwischen unterschiedlichen Menschentypen etablieren, son- dern durch übergreifende Gemeinsamkeiten und quer zu den Gruppenunterscheidungen liegende Differenzen überlagert und relativiert werden; Kom- munikations- und Kooperationszusammenhänge zu ermöglichen, in denen die Irrelevanz etablierter Gruppenunterscheidungen erfahrbar werden kann“ (Hormel/Scherr 2004, 212; Aufzählungszeichen un- berücksichtigt ). Reflexive Diversity-Ansätze stellen Versuche dar, die (auch) von Differenzverhältnissen vermittelte Komplexität, die Kontextualität und die Kontin- genz des Sozialen zu erkennen und zur Geltung zu bringen. Der Sozialen Arbeit wird damit einerseits eine Blickrichtung auf die Lebenswirklichkeit von Klientinnen und Klienten offeriert, die diese Wirk- lichkeit in einer spezifischen Weise erkennt: Als von vielfältigen Differenzverhältnissen durch- kreuzte und hervorgebrachte Wirklichkeit, die zwar nicht notwendig und insofern veränderbar ist, aber eine Geschichte der Beharrlichkeit aufweist und kontextspezifisch konstelliert ist, mithin von Kontext zu Kontext einen anderen Sinn macht. „Weshalb, in welcher Weise und mit welchen Fol- gen spielt ein bestimmtes Ensemble von Differenz- linien in einem konkreten Kontext eine Rolle?“ (Leiprecht 2008b, 17), ist die zentrale Frage, die eine kritisch-reflexive Diversity-Perspektive in die Soziale Arbeit einbringt. Hierbei ist diese Perspek- tive nicht auf die Lebenswirklichkeit und Alltags- welt der Klientel beschränkt, sondern ebenso auf die institutionelle und interaktive Wirklichkeit Sozialer Arbeit gerichtet. Eine besondere Stärke entfaltet die Blickrichtung „Diversity“ dabei in ei- ner Ausweitung des Blicks weg von einer einzigen Differenzlinie hin zur (beispielsweise intersektio- nalen) Berücksichtigung der vielfältigen Ver- wobenheit von Differenzlinien, die als sozial ver- fasst und kontextuell relevant verstanden werden. Diversity ist weiterhin dann als Praxis für Soziale Ar- beit überzeugend, wenn aus dem Wissen um die Verwobenheit von Differenz- und Machtverhältnis- sen und den damit einhergehenden Einsichten in die subjektivierenden, privilegierenden und binari- sierenden Effekte von Differenzordnungen reflexive Konsequenzen gezogen werden. Eine erste Kon- sequenz besteht für Soziale Arbeit darin, sich dem „Feiern der Differenz(en)“ zu enthalten und viel- mehr genau zu registrieren, unter welcher Bedin- gung das Eintreten für Differenz(en) weniger macht- voll ist. Ein reflexiver Diversity-Ansatz ist ein Ansatz, der die Entmächtigung von Menschen durch Diffe- renzordnungen kritisiert und für solche Verhältnisse eintritt, in denen Menschen würdevoller leben und arbeiten können. Damit stellt Diversity keinen „Königsweg“ dar, sondern muss als eine soziale und politische Praxis verstanden werden, die selbst auf ihre ausschließenden Effekte zu betrachten ist und sich selbst hinterfragen muss, welche Vorstellungen

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