Handbuch 5. Auflage

332  Drogen, Drogenkonsum und Drogenabhängigkeit Von Hans-Joachim Jungblut Einleitung Die öffentliche Meinung und Problemwahrneh- mung zum Thema illegaler Drogengebrauch in Deutschland ist geprägt von einem Verständnis, das sich in etwa so umschreiben lässt: Drogenkon- sum zeitigt erhebliche negative körperliche, soziale und psychische Auswirkungen, er bedingt psy- chische Krankheiten, die u. a. auch exzessiven Kon- sum beinhalten und in vielen Fällen zur völligen sozialen Desintegration oder zumTod führen kann. Handel und Anbau von Drogen ist zudem ein Straftatbestand, der stark sanktioniert wird. In Deutschland waren an der Konstituierung des „Drogenproblems“(Scheerer 1982) vor allem betei- ligt die Justiz und politische Gremien der Regierungs­ administration; Institutionen, die berufspolitische Interessen vertraten (Pharmaindustrie, Apotheker- verband, Ärzte- und Psychiatervereinigungen), so- wie Kirchen und politische Gruppierungen mit einer eher ethisch /moralischen Einstellung zum Drogenkonsum. Die sich über diese Entwicklung herangebildeten Strukturen, soziale Deutungsmus- ter und Sichtweisen zur Regulierung des „Drogen- problems“ haben wesentlich dazu beigetragen, eine je besondere Einschätzung zu seiner Lösung zu ent- wickeln: Aus einer ■ ■ medizinisch/psychiatrisch/pharmako­ logischen Perspektive wurde der Konsum von Opioiden und anderen Psychostimulantien als Krankheit / Psychopathologie begriffen und Diag­ nosekriterien sowie Therapien zu ihrer Heilung ent- wickelt (hierzu u.a. Friedländer 1913; Lewin 1924). Aus einer ■ ■ politisch-administrativen/ justitiellen Per- spektive wurde der Konsum in Rede stehenden Substanzen als Bedrohung der Volksgesundheit aufgefasst und analog der deutschen Sonderge- setzgebung von 1927 zum Umgang mit Seuchen dem Konsumenten eine „Heilungsverpflichtung“ ordnungspolitisch verpflichtend aufzuerlegen an- geregt (Nerepka 1929) sowie strafrechtliche Sank- tionen für Handel und Anbau zu verlangen. Aus einer ■ ■ moralisch/ethischen Perspektive wurde die Notwendigkeit der Hilfeleistung für Betroffene herausgestellt; jedoch auch ein Verbot des Kon- sums von Opioiden und anderer Psychostimulan- tien (Cannabis, Kokain) für unumgänglich gehalten. In der aktuellenTheoriediskussion (Jungblut 2009) stehen sich gegenüber eher individuumzentrierte Auffassungen zur Ätiologie und Klassifikation des Drogengebrauchs und der Drogenabhängigkeit auf der einen Seite und auf der anderen Seite gesell- schaftlich / soziale Hintergründe, reflektierende Auffassungen der Soziologie, der Sozialisations- theorie und der Kriminologie. Die hier angedeuteten Perspektiven zumVerständnis und zur Regulierung des Drogenproblems haben jedoch andere Ursachen als die Befürchtung, die Toxizität der Substanzen wie Heroin, Kokain etc. könne den Konsumenten physische und psychische Probleme bereiten und damit langfristig die Volks- gesundheit schädigen. Die Beschäftigung mit psy- choaktiven Substanzen durch nationale und trans- nationale Akteure und die Situierung eines weltweiten „Drogenproblems“ (Scheerer 1982) las- sen sich eher auf dem Hintergrund eines Transfor- mationsprozesses begreifen, dessen treibende Kräfte ökonomisch/kolonialpolitschen Interessenskonflik- ten zwischen den USA, Großbritannien und China geschuldet waren (Jungblut 2004, 15ff.), die nach dem Ersten Weltkrieg mit der Ratifizierung des Ver- sailler Vertrages durch die Mitglieder des sich kons- Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art030, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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