Handbuch 5. Auflage
Drogen, Drogenkonsum und Drogenabhängigkeit 341 Überlebenshilfen und Schadensminimierung Überlebenshilfe und Schadensminimierung sind Teil der nationalen Drogenstrategie, jedoch die jüngste ihrer vier Säulen und seit der AIDS-Epi- demie überdies integrierter Bestandteil der Drogen- hilfe vor Ort. In Deutschland wurde seit den 1980er Jahren ein System „niedrigschwelliger“ Hilfen auf- gebaut. Es umfasst aufsuchende Drogenhilfe (Street- work), Kontaktläden und Drogenhilfezentren, Not- unterkünfte und Drogenkonsumräume. Intention dieser Einrichtungen der Drogenhilfe ist es, Hilfen nicht an Auflagen zu binden, zur Therapiebereit- schaft oder der Einstellung des Drogenkonsums. Aus Sicht dieser Drogenhilfestrategie gilt es in ers- ter Linie, individuelle und sozial / gesellschaftliche Schäden des Konsums illegaler Drogen zu mini- mieren, Drogennot- und Todesfülle zu begrenzen und Infektionsrisiken zu reduzieren. Zu diesem Zwecke sind zahlreiche Safer-Use-Praktiken in die Hilfeformen implementiert, wie z. B. Spritzen- tausch, Aufklärung über Applikationsformen im Falle von Heroin- und Kokainkonsum, die Bereit- stellung von Drogenkonsumplätzen, die Vermitt- lung von Techniken der Substanzkontrolle u. a. Die „Deutsche Suchthilfe-Statistik–niedrigschwel- liger Zugänge“ verzeichnet für 2007 etwa 4.004 Be- treuungen, davon sind 76,9% Männer. In einer Übersicht- und Evaluationsstudie zum Thema „Ri- siko- und Schadensminimierung“ bescheinigt Uch- tenhagen (2005): „Eine Wirksamkeit der Maßnah- men in signifikantem Ausmaß ist in vielen Fällen durch randomisierte Studien abgesichert“ (56). Das Fazit dieser Übersichts- und Evaluationsstudie lässt sich mit Uchtenhagen (2005, 57) folgendermaßen zusammenfassen: „Maßnahmen einer Risikominderung und ihre Verein- ■ ■ barkeit im Rahmen einer umfassenden Drogenpolitik sind machbar und akzeptierbar; Risikominderung bedeutet Schadensminderung; ihre ■ ■ Ziele sind erreichbar; Schadensminderung steht nicht im Gegensatz zu Prä- ■ ■ vention und Therapie; die Ansätze lassen sich mit- einander verbinden; Negative Auswirkungen sind kaum belegt, aber Ver- ■ ■ besserungen und Anpassungen an neue Herausforde- rungen sind nötig.“ Literatur Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) (2007): Cannabiskonsum der Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland. BZgA, Köln Busch, M., Haas, S., Weigl, M., Wirl, Ch., Horvath, I., Stürzlinger, H. (2007): Langzeitsubstitutionsbehandlung Opioidabhängiger. Deutsches Institut für medizinische Dokumentation und Information, Köln Dobler-Mikola, A., Wettach, R., Uchtenhagen, A. (1998): Stellenwert stationärer Langzeittherapien für Suchtverlauf und soziale Integration Drogenabhängiger. Synthesebe- richt. Forschungsbericht aus dem Institut für Suchtfor- schung, Zürich Dollinger, B., Schmidt-Semisch, H. (2007): Sozialwissen- schaftliche Suchtforschung. VS Verlag, Wiesbaden EBDD (Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht) (2004–2007): Jahresbericht. Amt für amtli- che Veröffentlichungen der EU, Luxemburg Franzkowiak, P. (1996): Risikokompetenz – eine neue Leit- linie für die primäre Suchtprävention. Neue Praxis 5, 409–417 –, Schlömer, H. (2003) Suchttherapie 4, 175–182 Freitag, M., Hurrelmann, K. (Hrsg.) (1999): Illegale Alltags- drogen. Juventa, Weinheim/München Friedländer, A. (1913): Über Morphinismus und Kokainis- mus. Medizinische Klinik 39, 1572–1584 Groenemeyer, A. (1990): Drogenkarriere und Sozialpolitik. Pfaffenweiler Verlag, Pfaffenweiler Herbst, K. (1992): Verlaufsanalyse bei Drogenabhängigen nach stationärer Behandlung. Sucht 38, 147–154 Julien, R. (1997): Drogen und Psychopharmaka. Springer, Heidelberg/Berlin/Oxford Jungblut, H.-J. (2009): Drogen, Drogenkonsum und Dro- genabhängigkeit. In: Albrecht, G., Groenemeyer, A., Stall- berg, F.W. (Hrsg.): Handbuch Soziale Probleme. Opladen, Wiesbaden – (2007): Drogenrecht und Drogenpolitik. Internationale Vorgaben und nationale Spielräume, In: Dollinger, B., Schmidt-Semisch, H. (Hrsg.): Sozialwissenschaftliche Suchtforschung. VS Verlag, Wiesbaden – (2004): Drogenhilfe – Eine Einführung. Juventa, Wein- heim/München Kreuzer, A. (Hrsg.) (1998): Handbuch des Betäubungsmit- telstrafrechts. Beck, München Küfner, H., Duwe, A., Schumann, J., Bühringer, G. (2000): Prädikation des Drogenkonsums und der Suchtentwick- lung durch Faktoren in der Kindheit: Grundlagen und Ergebnisse einer empirischen Studie. Sucht 46, 32–53
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