Handbuch 5. Auflage

Eltern und Elternschaft 355 milie (Sabla 2009). Soziale Arbeit richtet ihren Blick insbesondere dann auf Eltern, wenn diese das Wohl ihrer Kinder gefährden oder nicht gewährleisten können. Der sog. Schutzauftrag für das Kind besteht in allen sozialpädagogischen Handlungsfeldern, konkretisiert sich aber insbesondere in der Kinder- und Jugendhilfe (insbesondere in §8a SGB VIII). Unterhalb der Eingriffshürde „Kindeswohlgefähr- dung“ richtet sich der sozialpädagogische Zugang zu Eltern, neben allgemeinen Angeboten zur För- derung, Beratung und Unterstützung, nach deren Erziehungsfähigkeit, denn die Voraussetzung für die Gewährung von Hilfen zur Erziehung ist, dass „eine dem Wohl des Kindes oder des Jugendlichen ent- sprechende Erziehung nicht gewährleistet ist“ (§27 Abs. 1 SGB VIII). Daraus resultierend wird die Er- ziehungskompetenz der Eltern in der Kinder- und Jugendhilfe vornehmlich aus der Perspektive des Gefährdungspotenzials betrachtet und steht im Falle einer Unterstützungsbedürftigkeit in Gefahr von Seiten der Eltern als individuelles Versagen und rela- tive Ohnmacht vor dem Hintergrund gesellschaftli- cher Idealvorstellungen empfunden zu werden. Ge- rade Eltern niedriger sozialer Klassen, die weniger ihr Recht auf Unterstützung als viel mehr den Zwangscharakter der Angebote wahrnehmen, arti- kulieren seltener ihre Ansprüche. Die Fokussierung auf das inhaltlich-normative Konzept der Erzie- hungsfähigkeit wird durch eine Degradierung von bestimmten familial verankerten, milieuspezifischen Erziehungsformen begleitet, was sich aktuell in Be- zug auf sog. Unterschichts- und MigrantInnenfami- lien als gesellschaftliches Anerkennungsproblem darstellt (Bauer/Wiezorek 2007, 615). Die Priori- sierung der Elternrechte und die Unterstützung der Elternautonomie gilt damit nicht oder weniger für Eltern aus bestimmten Bevölkerungsgruppen – kon- kret der „neuen Unterschicht“. Für diese Eltern ver- schiebt sich die Adressierung „in Richtung Screening und ‚Früherkennung‘: Fördern, Fordern und Kon- trollieren im frühest möglichen Stadium“ (Marquard 2008, 55). So sollen insbesondere die Eltern von Kleinstkindern im Sinne einer Risikofrüherkennung mit Hilfe umfassender Screenings möglichst recht- zeitig als „Risikofamilien“ identifiziert werden. Da- rüber hinaus stellt sich die Frage, was den „identifi- zierten“ Risiko-Eltern anschließend angeboten wird, um das Wohl der Kinder zu gewährleisten. Die als prekär zu bezeichnenden Lebenslagen von Eltern und Kindern werden zwar thematisiert, allerdings geht es hier eher um eine risikoorientierte, präven- tive und teilweise stigmatisierende Inblicknahme der Eltern (Kutscher 2008). Dass die Mehrzahl der Eltern Unterstützungsange- bote benötigt, hat der Siebte Familienbericht (2005) verdeutlicht. Allerdings sind ihre Bedarfs- lagen so unterschiedlich wie ihre Lebenslagen und Elternschaftskonstellationen. Was Eltern in ihren unterschiedlichen Lebenssituationen und Eltern- schaftskonstellationen an Unterstützungsleistun- gen benötigen ist nicht ausreichend bekannt. Das mag daran liegen, dass das Hauptaugenmerk der Familienpolitik auf dem Kindeswohl liegt und El- ternschaft auch in der familienwissenschaftlichen Forschung – mit wenigen Ausnahmen – ein wenig beachtetes Themenfeld ist (vgl. Villa /Thiessen 2009; Borchard et al. 2008). Literatur Bauer, P., Wiezorek, C. (2007): Zwischen Elternrecht und Kindeswohl. In: Ecarius, J.(Hrsg.): Handbuch Familie. VS Verlag, Wiesbaden, 614–636 Beck, U. (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Suhrkamp, Frankfurt/M. Beck-Gernsheim, E. (1994): Auf dem Weg in die postfami- liale Familie. In: Beck, U., Beck-Gernsheim, E. (Hrsg.): Riskante Freiheiten: Individualisierung in modernen Ge- sellschaften. Suhrkamp, Frankfurt/M., 115–138 Beckmann, C., Otto, H.-U., Richter, M., Schrödter, M. (Hrsg.) (2009): Neue Familialität als Herausforderung der Jugendhilfe. Neue Praxis, Sonderheft 9 Bertram, H., Borrmann-Müller, R. (1988): Individualisie- rung und Pluralisierung familialer Lebensformen. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung das Parlament B13/1988, 14–23 BMFSFJ (2005): 12. Kinder- und Jugendbericht. Berlin Böckenförde, E.W. (1980): Elternrecht – Recht des Kin- des – Recht des Staates. Zur Theorie des verfassungsrecht- lichen Elternrechts und seiner Auswirkung auf Erziehung und Schule. In: Krautscheidt, J., Marré, H. (Hrsg.): Esse- ner Gespräche zum Thema Staat und Kirche, Band 14. Münster, 54–98 Borchard, M., Henry-Huthmacher,C., Merkle, T., Wip- permann, C. (2008): Eltern unter Druck. Selbstver- ständnisse, Befindlichkeiten und Bedürfnisse von Eltern in verschiedenen Lebenswelten. Lucius &Lucius, Berlin Huinink, J., Wagner, M. (1998): Individualisierung und die

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