Handbuch 5. Auflage
357 Empowerment wird als das bedeutendste theoreti- sche Konzept in der Gemeindepsychologie gesehen (Orford 2008) und hat die Soziale Arbeit seit Jahr- zehnten nachhaltig beeinflusst. Die Grundannahme des Empowerments liegt darin, dass die Machtver- teilung innerhalb einer Gesellschaft maßgeblich zur Entstehung von menschlichem Leid und gesell- schaftlichen Problemen beiträgt und deshalb eine Veränderung der Machtverhältnisse Gegenstand psychosozialer Arbeit sein muss. Dies ist für sich genommen noch keine besonders neue und spekta- kuläre Erkenntnis, doch im Unterschied zu ande- ren Konzepten psychosozialer Arbeit wird in den Definitionen von Empowerment der enge Zusam- menhang zwischen Individuum, sozialer Gruppe und Gesellschaft betont. Psychosoziale Arbeit ist aus der Perspektive des Empowerments nur dann erfolgreich, wenn sie gleichzeitig auf diese drei Ebe- nen zielt. Rappaport definiert Empowerment als einen Prozess, durch den der Einzelne, ebenso wie Organisationen und Communities, Macht ( mas- tery ) über ihre Angelegenheiten gewinnen (Rappa- port 1987, 122). In dieser Definition wird der Dreiklang von Individuum, sozialem Umfeld und Gesellschaft ebenso betont wie bei Stark (1996, 16 f.). Zimmerman beschreibt die enge Verknüp- fung von Individuum und Gesellschaft im Empo- wermentkonzept mit den Worten: „Empowerment theory connects individual well-being with the lar- ger social and political environment. And suggests that people need opportunities to become active in community decision-making in order to improve their lives, organizations, and communities“ (Zim- merman 2000, 58). Francescato und Tomai (2001) begründen die notwendige Verknüpfung dieser drei Ebenen damit, dass jede Person in eine soziale Umwelt eingebettet ist und sich kaum alleine aus eigener Anstrengung „empowern“ kann. Vielmehr sei Empowerment immer eng mit dem Kampf um Bürgerrechte, Menschenrechte und soziale Rechte verbunden. Peterson et al. (2005) beschreiben Em- powerment als soziale Aktion, durch die Menschen größere Kontrolle über ihr Leben erhalten und mit höherer Wirksamkeit darauf einwirken können. Mit Empowerment ist – so Peterson et al. – eine Zunahme an sozialer Gerechtigkeit verbunden. Empowerment verbindet konzeptionell individu- elle Stärken und Kompetenzen mit Selbsthilfe ( na- tural helping systems ) und Engagement in sozial- politischenThemen sowie mit sozialer Veränderung (Zimmerman / Rappaport 1988, 725). Fryer (1994) sieht im Empowerment eine Strategie, Menschen zu helfen, die Wirkung von Macht zu verstehen, ihre eigene Macht zu fördern und Benachteiligun- gen abzubauen. Zusammenfassend lässt sich Em- powerment als ein Konzept beschreiben, „das erfolgreich Prozesse sozialer Aktion mit einer pro- fessionellen Haltung [verbindet], die sich konsequent den individuellen und kollektiven Ressourcen der Menschen zuwendet. Gleichzeitig werden drei Handlungsebenen miteinander verknüpft, die sonst meist getrennt behan- delt werden: Individuum – soziales Netz – Organisation“. (Lenz / Stark 2002, 7) Trotz aller Bemühungen bleibt die Definition un- scharf. Warum? Die spezifische Ausformung des Handelns hängt stark von den beteiligten Personen, Organisationen und Communities ab, die durch Empowerment ihren Einfluss auf ihre Lebens- bedingungen steigern, den Zugang zu benötigten Ressourcen verbessern und ein kritisch-reflexives Verständnis ihrer sozialen Umwelt und dem Kon- text, in dem dieses geschieht, (weiter-)entwickeln wollen (Zimmerman 2000). Empowerment ist ein postmodernes Konzept, dessen Konkretisierung nur in der Aushandlung der am Prozess Beteiligten geschehen kann. Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art033, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München Empowerment Von Mike Seckinger
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