Handbuch 5. Auflage

358 Seckinger  Historische Wurzeln Die Multidimensionalität des Empowerment­ konzepts spiegelt sich auch in den vielfältigen dis- ziplinären Bezügen (z. B. Hur 2006) und den unterschiedlichen historischen Wurzeln wider. Wesentliche Impulse für die Entwicklung der Empowermenttheorie kommen aus der Pädagogik der Unterdrückten (Freire 1987), der US-ameri- kanischen Bürgerrechtsbewegung, dem Feminis- mus und der Selbsthilfebewegung. Pädagogik der Unterdrückten Freire sieht es als Aufgabe von Erziehung an, Men- schen zu helfen, die Fähigkeit zu entwickeln, die Welt aus einer kritisch-analytischen Perspektive zu betrachten und zu „Subjekten der sozialen und politischen Selbstgestaltung“ (Herriger 1997, 32) zu werden. Dazu ist es notwendig, die Idee eines hierarchisch organisierten Erziehungsprozesses, der Ungleichheiten reproduziert und Unterdrückungs- verhältnisse stabilisiert, zugunsten einer gemein- samen, dialogischen Aneignung aufzugeben. Somit ist auch die traditionelle Definition der Experten- rolle infrage gestellt. Expertise erweist sich nämlich nicht in der Menge an Wissen, das vermittelt wer- den soll, sondern in der Unterstützung der Pro- blemformulierung und der gemeinsamen Reflexion des Problems, und zwar mit dem Ziel, passende Lösungen für die konkrete Situation zu finden. US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung Die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung wur- de durch die Erfolge der Befreiungsbewegungen in den ehemaligen Kolonien angeregt und erzwang in politischer Selbstorganisation massive gesell- schaftliche Umwälzungen. Die Bürgerrechtsbewe- gung bewies, dass sich Menschen durch gemein- same Aktionen und kritische Reflexion der gesellschaftlichen Verhältnisse aus ihrer Ohnmacht befreien können. Ihre Anregungsfunktion für die Entwicklung der theoretischen Auseinanderset- zungen mit Empowerment bestand in besonderer Weise darin, dass Teile der Bürgerrechtsbewegung von der Idee geprägt waren, dass jeder sein Leben in die eigene Hand nehmen kann, wenn dies ge- meinsam geschieht (ausführlicher hierzu Herriger 1997). Feminismus Die Erfolgsgeschichte der neueren Frauenbewegung (seit den 1960er Jahren) überstrahlt die vieler ande- rer sozialer Bewegungen erheblich, denn sie hat zu nachhaltigen gesellschaftlichen Veränderungen ge- führt. Der Frauenbewegung ist es gelungen, ihre Themen zu Themen gesellschaftlicher Auseinander- setzung zu machen. Dies zeigt, wie wirksam und notwendig es ist, Veränderungserfordernisse sowohl auf der individuellen Ebene, der Gruppenebene als auch der gesellschaftlichen Ebene zu artikulieren. Selbsthilfebewegung Die Selbsthilfebewegung inspiriert die Weiterent- wicklung der Empowermenttheorie auf vielfältige Weise. Denn auch Gruppen, denen niemand eine Eigenorganisation und eine eigene Interessensver- tretung zugetraut hat, haben tatsächlich Einfluss auf ihre Situation gewonnen. Die Etablierung der Psychiatrie-Erfahrenen ist hierfür ein Beispiel (Knuf / Seibert 2001). Der zwar noch durchaus eingeschränkte Erfolg der Psychiatrie-Erfahrenen zeigt, dass es selbst stigmatisierten Gruppen, die zudem noch von besonders starken Einschränkun- gen ihrer Rechte bedroht sind, möglich ist, ihre Interessen selbst zu vertreten und einen Weg aus der Hilflosigkeit zu finden. Zudem zeugen die vie- len Selbsthilfegruppen von der Wirksamkeit des Prozesses, sich aus der individuellen Unzufrieden- heit und dem individuellen Leiden herauszube- geben, die gemeinsame Reflexion der eigenen Le- benssituation mit anderen in ähnlichen Situationen zu suchen, Informationen austauschen, gemeinsam Interessen und Standpunkte zu formulieren und diese gestärkt durch den Rückhalt und die Aus- einandersetzungen in der Gruppe öffentlich zur Geltung zu bringen. Die Erforschung dieser Pro- zesse trug und trägt wesentlich zu einem tieferen Verständnis von Empowerment bei (Stark 1996; Keupp 1998). Diese historischen Wurzeln repräsentieren Erfah- rungen, wie das Eigene selbst in die Hand genom-

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