Handbuch 5. Auflage

362 Seckinger  von Fachkräften und Adressaten führen. Der Mo- dus des Aushandelns ist ein entscheidendes Merk- mal von Empowerment und stellt ein inhärentes Korrektiv auch gegen subtile Formen der Macht- ausübung dar. Die Förderung von Partizipation ist in einem hohen Maße selbstreferentiell, kann also nicht stattfinden, wenn nicht auch das Partizipati- onsfördernde selbst partizipativen Prozessen unter- liegt. Insofern trägt Empowerment auch zur De- stabilisierung subtiler Formen der Machtausübung bei. Finden Aushandlungsprozesse nicht statt, dann handelt es sich nicht um Empowerment. Zwar werden auch in einer beteiligungsorientierten Pra- xis Entscheidungen durch den Einsatz von Macht getroffen (Pluto 2007), die sich u. a. aufgrund ge- sellschaftlicher Statuszuweisungen, wie sie mit den Rollen Fachkraft und Adressat verbunden sind, er- gibt. Dies ändert jedoch nichts daran, dass sich Empowermentstrategien nicht besonders gut für den Versuch eignen, Adressaten zu dominieren. Insofern stellt dieser Einwand das Empowerment- konzept nicht infrage, sondern weist auf die Kom- plexität von Empowerment und den damit ver- bundenen Anforderungen an die Praxis hin. Forschungsbedarfe Die Einwände und kritischen Anmerkungen zur Theorie und Praxis von Empowerment zeigen Be- darf an Forschung und Weiterentwicklung auf. Gerade mit Blick auf veränderte gesellschaftliche Bedingungen, die sich in Metaphern wie z.B. dem „unternehmerischen Selbst“ oder „den Abgehäng- ten“ ausdrückt, ist es notwendig, das Verhältnis von einerseits dem Gefühl, Kontrolle über das eigene Leben zu haben und andererseits den tatsächlichen Möglichkeiten, Kontrolle über das eigene Leben auszuüben, genauer zu klären. Denn möglicherweise verbessert ein rein auf psychologische Dimensionen reduziertes Empowerment zwar das Lebensgefühl, ändert aber nichts an den Einflussmöglichkeiten auf die Gestaltung des eigenen Lebens. Eine systematische Ausweitung der Forschung zu Empowerment auf die Ebene von sozialen Gruppen und in den politischen Kontext ist notwendig, um so die von Vossebrecher und Jeschke (2007) ange- mahnte Konkretisierung des Politischen in der Em- powermenttheorie leisten zu können. Obwohl in der letztenDekade vermehrt Forschungs- arbeiten zur Förderung von Beteiligungsprozessen in der sozialen Arbeit durchgeführt wurden (z.B. Ter- zioglu 2005; Pluto 2007; Seckinger 2006), ist eine Weiterentwicklung der Empowermenttheorie auf weitere Forschung zu diesen Fragstellungen ange- wiesen (auch Peterson et al. 2005). Eine empowermentorientierte Soziale Arbeit bedarf auch entsprechender Forschungsmethoden. Denn werden Ziele und Strategien von Forschung ebenso wie Inhalte von Evaluationen ohne diejenigen be- stimmt, die eigentlich im Zentrum der Forschung beziehungsweise des aus den Forschungsergebnis- sen abgeleiteten Handelns stehen, dann wird dies Empowermentprozesse behindern. Es ist daher notwendig, partizipative Evaluationsstrategien fortzuentwickeln, z. B. für die Erfolgskontrolle von Empowermentstrategien und für deren Steuerung und Weiterentwicklung. Antonovsky, A. (1997): Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit. dgvt, Tübingen Francescato, D., Arcidiacono, C., Albanesi, C., Mandarini, T. (2007): Community Psychology in Italia: Past Develop- ments and Future Perspectives. In: Reich, S., Riemer, M., Prilleltensky, I., Montero, M. (Hrsg.): International Com- munity Psychology. Histories and Theories. Springer, New York, 263–281 –, Tomai, M. (2001): Community Psychology: Should There Be a European Perspective? Journal of Community and Applied Social Psychology 11, 371–380 Freire, P. (1987): Pädagogik der Unterdrückten. Bildung als Praxis der Freiheit. Rowohlt, Reinbek Literatur Fryer, D. (1994): Commentary: Community Psychology and Politics. Journal of Community Psychology and Applied Social Psychology 4, 11–14 Hagan, T., Smail, D. (1997): Power-mapping – Background and Basic Methodology. Journal of Community and Ap- plied Psychology 7, 257–268 Herriger, N. (1997): Empowerment in der sozialen Arbeit. Eine Einführung. Kohlhammer, Stuttgart Hur, H.M. (2006): Empowerment in Terms of Theoretical Perspectives: Exploring a Typology of the Process and Components across Disciplines. Journal of Community Psychology 34, 523–540 Keupp, H. (2010): Labeling: Der Trichter der Exklusion. In: Keupp, H., Rudeck, R., Schröer, H., Seckinger, M., Straus,

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