Handbuch 5. Auflage

Empowerment 361 ment auf eine Stärkung der Kontrollüberzeugung reduziert wird, das bedeutet, dass nur das Gefühl der Kontrolle über das eigene Leben gesteigert wird, und nicht die tatsächliche Kontrolle. Somit wird möglicherweise das Politische zum Privaten und es ändert sich am Status quo der Machtvertei- lung nichts (Orford 2008, 36). Das Ziel des Empo- werments wird also verfehlt. Dieser Art von Ein- wänden ist entgegenzuhalten, dass die Stärkung sozialen Kapitals als zentral für den Empowerment- prozess angesehen wird (Stone / Levine 1985; Stark 1996; Francescato et al. 2007) und der Gefahr ei- ner individualistischen Verkürzung entgegenwirkt. Hagan und Smail (1997) schlagen zur Anregung eines Empowermentprozesses vor, ein „Powermap- ping“ durchzuführen. Hierbei soll Klarheit über das Ausmaß an verfügbaren Ressourcen in den Be- reichen persönliche Ressourcen, familiäres Leben, soziale Netzwerke über die engere Familie hinaus sowie materielle Ressourcen gewonnen werden. Den materiellen Ressourcen kommt hierbei eine besondere Bedeutung zu. (2) Der zweite Einwand richtet sich auf eine man- gelhafte Ausarbeitung der politischen Dimension innerhalb der Theorie. Der Zusammenhang zwi- schen Individuum, Gruppe und Gesellschaft wird als zentral für eine erfolgreiche Veränderung der Bedingungen angesehen, welche die Menschen in ihrer Möglichkeit einer gelingenden Lebensfüh- rung einschränken. Dennoch bleibt „die Konzep- tualisierung der politischen Ebene (…) seltsam unvollständig“ (Vossebrecher / Jeschke 2007, 58). Dies sei, so Vossebrecher und Jeschke, ein wesentli- cher Grund, weshalb die Praxis nicht zu wirklichen Veränderungen kommen könnte. Die bisherige Forschung fokussiert zu sehr auf die Ebene des in- dividuellen Empowerments (Zimmerman 2000), was neben der unzureichenden Konzeptualisierung der politischen Ebene trotz aller Bezugnahme auf Gesellschaftstheorien (Reich et al. 2007) dazu bei- trägt, die Unschärfe des Konzepts zu erhöhen. „Es fehlen nach wie vor theoretische Kategorien, die den Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Strukturen und dem individuellen (psychischen) Erleben und Handeln schon auf der Ebene der Subjekte begrifflich fassbar machen“ (Vossebre- cher / Jeschke 2007, 59). Smail (1994) beklagt ebenfalls eine zu starke Fixierung auf das Indivi- duum. Die politische Ebene wird zwar gesehen, aber dann wieder ausgeblendet. Notwendig wäre es, eine psychologische Theorie zu entwickeln, die sich auch auf Materielles, auf Soziales und auf die Umwelt bezieht. Der in diesem Einwand deutlich gewordene theoretische Entwicklungsbedarf wird zwar gesehen, aber noch fehlt es an entsprechenden Weiterentwicklungen. (3) Von verschiedenen Autor(inn)en wird immer wieder darauf hingewiesen, dass Empowerment Adressaten überfordern könnte. Lenz sieht es nicht für möglich an, Empowermentstrategien zu ver- wirklichen, „wenn Menschen aufgrund eines großen Problem- und Leidensdrucks oder aufgrund akuter Hilfsbedürftigkeit in Krisen und Konfliktsituationen nicht über jenes Maß an innerer Freiheit sowie an Handlungs- und Entfaltungs- spielraum verfügen, das für den Einstieg in partizipative Verständigungs- und Aushandlungsprozesse notwendig ist“. (Lenz 2002, 16) In solch stark belasteten Situationen sei es notwen- dig, Regressionsmöglichkeiten anzubieten und nicht Handlungsautonomie einzufordern. Wie Lenz selber weiter ausführt, stellt gerade die Akzep- tanz des Gefühls der Demoralisierung eine wich- tige Basis für den Beginn von Empowermentpro- zessen dar. Die Studie von Terzioglu (2005) belegt, wie hilfreich eine der Situation angemessene, zeit- lich beschränkte und von den Adressaten selbst auch gewünschte Delegation von Verantwortung an die Fachkraft sein kann. Der wesentliche Unter- schied zu traditionellen Konzepten besteht darin, dass die Adressaten selbst über das Ausmaß an Ver- antwortungsdelegation auf die Fachkraft entschei- den. Wenn dies aktuell, z. B. aufgrund einer Psy- chose, nicht möglich ist, dann beruht die Verantwortungsübernahme auf einerVereinbarung, die vorher zwischen der Fachkraft und der Unter- stützung bedürfenden Person getroffen wurde. (4) Empowermentstrategien – so ein weiterer Ein- wand – führen in der Praxis durch einen Mangel an Reflexion der unterschiedlichen Interessen von Fachkräften und Adressaten in ihrer Anwendung häufig zu subtilen Formen der Kontrolle, gegen die sich die Unterstützung Suchenden kaum wehren können (Vossebrecher / Jeschke 2007, 60; Quin- del / Pankhofer 2000; Quindel 2010). Da gesell- schaftliche Rollenzuweisungen und Erwartungen sich nicht einfach auflösen lassen, kann mangelnde Reflexion von Machtprozessen zur Überforderung

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=