Handbuch 5. Auflage
364 Entwicklung Von Rolf Oerter Grundlagen Entwicklungsbegriff Die folgende Darstellung konzentriert sich auf Theorien und Befunde zur Ontogenese, also zur individuellen Entwicklung. Unter Entwicklung versteht man in diesem Zusammenhang nachhal- tige und nachhaltig wirkende psychologische Ver- änderungen einer Person, z. B. Dispositionen, Wissen und Fähigkeiten. Diese Veränderungen können universell, differenziell und individuell sein. Die früher oft verwendete formale Definition von Entwicklung als altersabhängige Veränderung ist wenig hilfreich, da sich alle Veränderungen in der Zeit abspielen. Entwicklungspsychologische Prozesse resultieren in der Kindheit und Jugend oft in Strukturveränderungen, die nicht nur quan- titative Steigerungen beinhalten, sondern einen mehr oder minder umfassenden Wandel in einzel- nen Bereichen oder in der Gesamtpersönlichkeit. Die Ontogenese kann auf drei Ebenen analysiert werden: als universelle Gesetzmäßigkeit, als kultur- abhängige Prozesse und als differenzieller Vorgang, der für jedes Individuum spezifisch und einmalig verläuft. Entwicklung als universeller Prozess beinhaltet Gesetzmäßigkeiten, die für alle Individuen in allen Kulturen und zu allen Zeiten gelten. Solche Ge- setzmäßigkeiten existieren v. a. im Säuglingsalter und in der frühen Kindheit (Bindungsverhalten, Entstehung des Selbstbewusstseins, Theory of Mind, Gehen, Spracherwerb). Sie lassen sich auch für bestimmte neurologische und physiologische Veränderungen nachweisen (z. B. Wachstum, Pu- bertät, Muskel- und Knochenentwicklung). Der Einfluss der Kultur auf die Entwicklung wird als Enkulturation bezeichnet. Sie beinhaltet die Aneignung von Handlungskompetenzen, die für das Leben in derjenigen Kultur, in der das Indivi- duum aufwächst, erforderlich sind. Enkulturation kann als Prozess der Übernahme der Kultur bzw. des Hineinwachsens in die Kultur verstanden wer- den. Aus der kulturellen Perspektive vollzieht sich Entwicklung inEntwicklungsnischen (Super /Hark ness 1986). Sie bilden den Teil des Ökosystems, der menschliche Entwicklung in der Kindheit und Jugend ermöglicht und sicherstellt. Man kenn- zeichnet die Entwicklungsnische durch das Setting, die Erziehungspraktiken und die intuitiven Erzie- hungstheorien der Sozialisatoren. Die differenzielle Perspektive von Entwicklung un- tersucht die Variation von Verläufen innerhalb von kulturellen Gruppen. Dabei interessieren sowohl Unterschiede in der Entwicklungsgeschwindigkeit (Akzeleration, Retardation) und in Persönlichkeits- merkmalen als auch Geschlechtsunterschiede und bildungsbedingte Unterschiede. Entwicklungsmodelle Entwicklungsmodelle versuchen, wesentliche Be- dingungen der komplexen Wirklichkeit der Interak tion von Anlage, Umwelt und Eigenaktivität verein- facht darzustellen. In der Entwicklungspsychologie gibt es unterschiedliche Modelle, mit denen spezi- fische Sichten auf entwicklungsmäßige Veränderun- gen abgebildet werden: Entwicklung als quantitati- ves Wachstum, als qualitative Veränderung (z.B. als Differenzierung und Integration), als Stufenfolge, als Abfolge von Phasen und als Überschichtung. Werden die Einflussfaktoren in die Modellbildung einbezogen, sind Reifungsmodelle von Modellen zu unterscheiden, in denen Anlagen und Umweltein- flüsse interagieren. Ein spezifisches Modell ist hierbei das „aktionale“ Modell. Es nimmt an, dass Men- Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art034, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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