Handbuch 5. Auflage
Entwicklung 365 schen einen aktiv gestaltenden Einfluss auf ihre ei- gene Entwicklung nehmen, indem sie Ziele und Anliegen verfolgen, sich ihre eigene Lebensumwelt aussuchen und diese gestalten. Systemische Modelle differenzieren die Faktoren Anlage, Umwelt und sich entwickelnde Person wei- ter aus, z.B. sind bezüglich der Entwicklungsumwelt eines Kindes viele Personen und deren Beziehungen untereinander, Institutionen und Settings wie Schu- len und Peergruppen, Medien und relevante gesell- schaftliche Verhältnisse mit Ressourcen und Res- triktionen von Bedeutung. Grundsätzlich beziehen sich alle Elemente des Systems aufeinander. Die Aufgabe der Modellbildung ist es, einflussreiche Bezüge zu ermitteln und das grundsätzlich offene System in Ausschnitten darzustellen, welche indivi- duelle und differenzielle Entwicklungen erklären und Ansatzpunkte für förderliches und präventives Handeln bieten. Entwicklungsdiagnostik Entwicklungsprozesse und -niveaus erfasst die Ent- wicklungsdiagnostik. Sie misst den Entwicklungs- stand von Leistungen, Wissensstrukturen und Per- sönlichkeitskomponenten. Dabei verwendet man prinzipiell zwei Ansätze: Die Orientierung an Al- tersnormen positioniert das Individuum zum Durchschnitt einer Alterspopulation, z. B. bei In- telligenztests und anderen Entwicklungstests von Einzelleistungen. Bei einer Orientierung an quali- tativen, theoretisch postulierten Strukturniveaus der Entwicklung (Stufen, Stadien) geht es um die Diagnose, auf welchem Niveau ein Individuum steht. Piagets (1966) Abfolge von Entwicklungs- stadien, die Stufen des moralischen Urteils, die Niveaus des Menschenbildes und die Stufen der Perspektivenübernahme sind hierfür Beispiele. Indem man Entwicklungstests nutzt, die den übli- chen Kriterien von Objektivität, Reliabilität und Validität genügen, lassen sich Entwicklungsskalen bilden. Sie sind einerseits altersnormierte Skalen und andererseits als altersunabhängige Struktur- niveaus definiert. Die Altersnormierung von Ent- wicklungsskalen muss bei historischem Wandel je- weils neu vorgenommen werden, so etwa bei vielen Wissensdimensionen und bei Sprachtests. Für spezi- fische Subpopulationen (z.B. Migranten aus ande- ren Sprach- und Kulturräumen oder für Behinderte und Hochbegabte) sollten die Skalen differenziert angelegt und zusätzlich zur allgemeinen Normie- rung spezifische statistische Normen für die jeweilige Subpopulation enthalten. Anlage – Umwelt – Selbstgestaltung Entwicklung spielt sich in der Wechselwirkung zwi- schen den Faktoren Anlage, Umwelt und Eigen- aktivität ab. Das Genom (die Gesamtheit der Erb- information) ist mit einem Text vergleichbar, der zu einem bestimmten Zeitpunkt gelesen wird und auf das, was vorher gelesen wurde zurückgreift. Ent- wicklung beruht nicht linear-kausal auf einem gene- tischen Programm, sondern auf der Wechselwirkung zwischen Genaktivität, neuronaler Aktivität, Um- welt und Selbstgestaltung durch das Individuum. Die Genaktivität variiert im Verlauf der Entwick- lung. Gene und Umwelt sind dergestalt verzahnt, dass bestimmte Umweltreize nötig sind, um das Gen zu stimulieren und umgekehrt – Umwelteinflüsse können erst wirksam werden, wenn eine entspre- chende Genausstattung vorhanden ist. Daher muss ein Passungsverhältnis zwischen beiden Komponen- ten bestehen. Der lange unterschätzte dritte bestim- mende Faktor für Entwicklung ist die Eigenaktivität des Individuums, die aufgrund genetischer Vor- gaben aus der Umwelt auswählt und Angebote an- nimmt oder zurückweist. Dieses Faktum wird durch das alte Sprichwort „Jeder ist seines Glückes Schmied“ charakterisiert. Verzahnung von Phylogenese, Kulturgenese und Ontogenese Menschliche Entwicklung lässt sich nur aus dem Zusammenwirken von biologischer Evolution, kulturellen Einflüssen und individueller Selbst- gestaltung verstehen. Die Wurzeln der Evolution menschlicher Entwicklung lassen sich einerseits aus der phylogenetischen Entwicklung der Homi- niden und dem Vergleich mit unseren nächsten Verwandten – den Schimpansen – bestimmen, andererseits aus den Leistungen von Säuglingen herleiten, da Wissen in so früher Zeit nicht er- worben sein kann. Neuerwerbungen des Homo sapiens sind die Nut- zung der Sprache zur Kommunikation (während
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